Aufgaben  der  höheren  Schularten  nach  Beseitigung  des  Monopola.  25

naturgemäße  Folge  dieser  Arbeit  an  der  Vertiefung  des  Gesamtlehrganges  eine
planmäßigere  Ausgestaltung  des  Lehrbüchermaterials,  als  die  ist,  deren  sich  zurzeit
  das  höhere  Schulwesen  an  sehr  vielen  Stellen  rühmen  kann;  mit  äußerlich
differenzierten  A-,  B-,  C-  usw.  bis  F-Ausgaben  der  Grammatiken  und  vereinzelter
anderer  Lehrbücher  für  jede  der  höheren  Schularten  allein  ist  es  nicht  getan;
es  muß  vielmehr  eine  eingehende  und  gründliche  Bearbeitung  der  Stoffe  von
dem  Standpunkt  der  drei  Schularten  aus  vorgenommen  werden,  die  den  Schwerpunkt
  der  Darstellung  je  nach  der  Eigenart  und  den  Lehrzielen  der  einzelnen
Schulart  bald  dahin,  bald  dorthin  verlegt,  die  grammatischen  Beispiele  und  die
Übungssätze  den  maßgebenden  Gedankenkreisen  des  Unterrichts  an  dieser  Schulart
  anpaßt,  zwischen  den  verschiedenen  Lehrbüchern,  die  an  ihr  gebraucht
werden,  ein  geistiges  Band  und  auch  zahlreiche  äußere  Beziehungen  und  Verweisungen
  herstellt,  kurz  gesagt  das  Nebeneinander  disparater  Lehrbücher  durch
ein  einheitliches  System  von  Büchern,  ein  “Unterrichtswerk’  zu  ersetzen  sucht.
Für  das  Gebiet  des  Sprachunterrichts  wird  durch  die  Parallelgrammatiken  in
diesem  Sinne  Wandel  geschaffen,  aber  es  bedarf  da  wohl  noch  weiterer  Besserung
des  Bestehenden,  bedarf  vor  allem  der  Brücke,  die  auch  in  den  Darbietungen
der  Lehrbücher  zwischen  den  sprachlichen  und  den  sog.  realen  Unterrichtsfächern
sich  schlagen  läßt.  Nicht  genug  kann  jedem  Lehrer  empfohlen  werden,  sich
durch  die  Lektüre  des  jährlichen  Rechenschaftsberichtes  in  dem  den  Lehrpensen
gewidmeten  Teil  des  Programms  und  durch  aufmerksames  Verfolgen  der  Reifeprüfung
  als  des  greifbaren  Gesamtergebnisses  der  neun  Unterrichtsjahre  den  Blick
und  das  Gewissen  dafür  zu  schärfen,  was  es  bedeuten  will,  wenn  man  die  höhere
Schule  als  einen  lebendigen  Organismus  in  Wirksamkeit  erhalten  soll.)

Ein  kurzes  Wort  noch  über  die  Nichtvollanstalten  und  über  die  Frage

Anregend  in  manchen  Einzelheiten  ist  das  Gesamtbild  des  Unterrichtaverlaufes,  das
Klemens  Nohl  im  II.  Band  seines  “Lehrbuches  der  Reformpädagogik  für  höhere  Lehranstalten’
  (2.  Aufl.,  Essen  1901,  G.  D.  Baedeker)  für  den  von  ihm  angestrebten  Schulorganismus
  entwirft.  Von  ausländischer  Literatur  sei  nur  genannt  F.  Collard,  Me&amp;thodologie
de  l’Enseignement  Moyen  (Brüssel  1903,  A.  Castaigne),  deren  2.,  der  Methodologie  speciale
gewidmeter  Teil  sich  auf  die  Muttersprache,  die  zwei  alten  Sprachen,  die  lebenden  F'remdsprachen,
  Geschichte  und  Erdkunde  erstreckt.

1)  Zweifellos  hebt  es  auch  den  Lehrer  in  dem  Gedanken  an  seine  Berufstätigkeit,
wenn  er  bei  dieser  Gelegenheit  immer  wieder  aufs  neue  sieht,  wie  sehr  trotz  aller  —  der
Natur  der  Sache  nach  notwendigen  —  Lehrpläne,  Lehrpensenvorschriften  und  trotz  des  —
übrigens  recht  heilsamen  —  Gebundenseins  an  die  amtlich  eingeführten  Lehrbücher  doch
die  Lehrkunst  und  die  Lebensauffassung  der  einzelnen  Lehrerpersönlichkeit  sich  im  Unterricht
  der  höheren  Schule  geltend  machen  kann,  wie  sehr  neben  dem  ‘unitas  in  necessarilis’
das  “in  dubiis  libertas’  im  Organismus  dieser  Schule  zur  erfreulichsten  Wahrheit  werden
kann.  Über  den  Charakter  des  Lehrberufs  vgl.  außer  dem  auf  dem  I.  Oberlehrertage  in
Darmetadt  am  9.  April  1904  gehaltenen  Vortrage  von  Fr.  Paulsen  vor  allem  die  beiden  Bücher:
Adolf  Matthias,  Praktische  Pädagogik  (2.  Aufl.  1902),  Bd.  II,  Abt.  1,1  des  in  der  Anm.  auf
S.7  genannten  Sammelwerkes  von  Baumeister,  und  Wilhelm  Münch,  Der  Geist  des  Lehramtes
(Berlin  1903,  Reimer),  und  dazu  den  Abschnitt  über  ‘Das  Inkommensurable  des  Unterrichtsproblems’
  in  O.  Weißenfels’  ‘Kernfragen  des  höheren  Unterrichts’  Neue  Folge  (Berlin  1903,
R.  Gärtner).  Sehr  zu  empfehlen  ist  auch  H.  Geudig,  Didaktische  Ketzereien  (Leipzig  und
Berlin  1904,  Teubner).