26  Zısuen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

des  Einjährig-Freiwilligen-Rechts  in  ihrer  Bedeutung  für  den  inneren  Organis
mus  der  höheren  Schule.  Jede  der  neunklassigen  Schulen  wird  bekanntlich
von  einer  ziemlich  beträchtlichen  Anzahl  von  Schülern  besucht,  die  bereits  nach
Erlangung  der  Berechtigung  zum  Einjährig-Freiwilligen-Dienst,  also  am  Ende
der  UI,  die  Anstalt  verlassen,  um  in  die  Lehre  oder  sonstwie  in  den  praktischen
  Beruf  einzutreten,  unter  Umständen  auch  auf  einer  Fachschule  für  diesen
letzteren  vorher  noch  unmittelbar  sich  vorbereiten  zu  lassen.  Es  liegt  in  dem
Wesen  der  Berufsarten,  für  die  ein  sechsjähriger  Kursus  auf  der  höheren  Schule
ausreichend  ist,  daß  vor  allem  die  lateinlose  Schule  sehr  viele  Schüler  enthält,
die  sich  in  dieser  Weise  mit  einer  kürzeren  Schulzeit  begnügen,  und  so  ent
spricht  es  denn  auch  dem  Wesen  der  Sachlage,  wenn  man  neben  der  neunklassigen
  Öberrealschule  eine  sogar  bei  weitem  überwiegende  Anzahl  sechsklassiger
  sog.  Realschulen  findet,  die  sich  heutzutage  wohl  als  um  ihren  ÖOberbau
  verkürzte  Oberrealschulen  auffassen  lassen,  die  aber  nach  der  geschichtlichen
Entwicklung  unseres  höheren  Schulwesens  vielmehr  selbständige,  aus  dem  tatsächlichen
  Bedürfnis  der  Bevölkerung  hervorgegangene  Anstalten  sind  und
manchmal  ihrerseits  erst  allmählich  den  Oberbau  einer  Oberrealschule  im  Laufe
der  Zeit  aus  sich  herauswachsen  lassen.')

Läßt  sich  nun  dem  Organismus  der  Oberrealschule  eine  in  sich  abgeschlossene
sechsklassige  Realschule  ohne  wesentlichen  Schaden  für  den  Lehrplan  der  Vollanstalt
  einverleiben  oder  als  Kurzform  zur  Seite  stellen,  so  ist  ein  gleiches  für
das  Gymnasium  und  auch  für  das  Realgymnasium  nicht  der  Fall,  weshalb  denn
auch  diesen  beiden  Anstalten  keine  entsprechende  Kurzform  zur  Seite  steht.
Auch  wird  der  innere  Organismus  dieser  beiden  Schularten,  besonders  der  des
Gymnasiums  mit  seinen  beiden  alten  Sprachen,  überaus  empfindlich  geschädigt,
wenn  man  ihren  Lehrplan  und  ihre  Lehrpensen  auf  die  Bedürfnisse  solcher
Schüler  zustutzen  will,  die  am  Ende  der  Untersekunda  die  Schule  verlassen
sollen.  Eine  richtige  Schulpolitik  kann  vielmehr  gewiß  nur  darauf  gerichtet
sein,  solche  vorzeitig  ausscheidenden  Elemente  dem  Gymnasium  und  dem  Real-1)

  An  den  Schulzuständen  des  heutigen  England  kann  sich,  wer  das  nötig  hat,  wohl
am  besten  Belehrung  darüber  holen,  wie  sehr  es  nötig  ist,  daß  neben  der  humanistischen
Bildung  auch  eine  Realschulbildung  kräftig  gedeiht.  Über  die  geschichtliche  Entwicklung
und  den  heutigen  Stand  der  letzteren  in  Deutschland  vgl.  vor  allem  den  ausführlichen
Artikel  “Realschulwesen’  von  Knabe  REP  V  703ff.  Das  wichtigste  Organ  des  Realschulwesens,
  die  von  (jeorg  Weidner  begründete  ‘Zeitschrift  für  lateinlose  höhere  Schulen’  (Verlag
  von  Teubner),  steht  zurzeit  im  16.  Jahrgang;  ihr  jetziger  Herausgeber  ist  Schmitz-Mancy;
es  ist  völlig  richtig,  wenn  ihr  Programm  den  Satz  enthält,  daß  ‘nur  mit  Hilfe  der  Realschulen
  den  Forderungen  der  Zeit  genügt  werden  kann’.  Um  ein  tieferes  Verständnis  für
die  Bedeutung  der  Frage  zu  gewinnen,  tut  man  gut,  u.  a.  sich  mit  K.  W.  Magers  ‘Deutscher
Bärgerschule’  (z.  B.  in  der  Ausgabe  von  K.  Eberhardt,  mit  ausführlicher  Einleitung  über
Magers  Leben,  Langensalza,  H.  Beyer  u.  Söhne)  eingehend  bekannt  zu  machen.  Im  Zusammenhang
  mit  Magers  Bestrebungen  trat  im  Jahre  1840  die  ‘Pädagogische  Revue’  ins
Leben,  die  später  in  das  ‘Pädagogische  Archiv’  überging  und  unter  diesem  Namen  noch
heute  als  “Monatsschrift  für  Erziehung  und  Unterricht  an  Hoch-,  Mittel-  und  Volksschulen,
zugleich  Zentralorgan  für  die  gesamten  Interessen  des  Realschulwesens’  erscheint  (Braunschweig,
  Vieweg  u,  Söhne;  jetziger  Herausgeber;  J,.  Freytag),