28  Zıenen:  Der  innere  Organismus  des  höheren  Schulwesens.

Darstellung  des  deutschen  höheren  Schulwesens  genauer  betrachtet  und  das  Verhältnis
  dieser  Art  von  Nichtvollanstalten  zu  den  sie  fortführenden  Vollanstalten
an  der  Hand  der  Schülerverzeichnisse  in  den  Schulprogrammen  näher  ins
Auge  faßt.!)

Und  doch  nur  ein  Notbehelf  —  wir  geben  für  diese  Auffassung  die  Gründe
an,  indem  wir  die  letzte  grundsätzliche  Frage  erörtern,  die  wir  in  bezug  auf
den  inneren  Organismus  der  höheren  Schulen  zu  behandeln  haben,  indem  wir
nämlich  von  der  Einheitlichkeit  reden,  die  zwischen  Unter-,  Mittel-  und  Oberbau
einer  höheren  Lehranstalt  vorhanden  sein  muß.

Es  ist  früher  sehr  vielfach  Sitte  gewesen  und  auch  jetzt  noch  an  manchen
Anstalten  die  Gewohnheit  nicht  ganz  ausgestorben,  daB  der  wissenschaftliche
Lehrer  als  Anfänger  in  den  Unterklassen  unterrichtet  und  dann  mit  zunehmendem
Dienstalter  langsam  in  den  Mittelbau  der  Anstalt  aufsteigt,  um  schließlich  als
dienstälterer  Lehrer  die  Oberklassen  zu  erreichen  und  in  diesen  nun  für  den
Rest  seiner  Dienstzeit  ausschließlich  oder  so  gut  wie  ausschließlich  beschäftigt
zu  sein;  in  älteren  Programmen  deutscher  höherer  Schulen  wird  man  gelegentlich
diesen  Hergang  ganz  unumwunden  ausgesprochen  finden,  indem  geradezu  von
dem  ‘wissenschaftlichen  Lehrer  für  VI  usw.’  die  Rede  ist,  auch  trifft  man  dort
nicht  selten  auf  Fälle,  in  denen  ein  Lehrer  aus  irgendeinem  besonderen  Grunde,
u.  a.  wegen  hervorragender  wissenschaftlicher  Tüchtigkeit,  gleich  als  “Lehrer
für’  eine  höhere  Klassenstufe  in  den  Verband  einer  Anstalt  eintritt.

Alle  diese  Erscheinungen  sind  —  das  darf  man  wohl  sagen  —,  soweit  es
sich  nicht  um  die  naturgemäße  Rücksicht  auf  die  Alters-  und  etwa  auch  die
Gesundheitsverhältnisse  der  Lehrer  im  einzelnen  handelt,  sondern  die  grundsätzliche
  Anschauung  in  Betracht  kommt,  von  dem  Standpunkt  der  pädagogischen
Anschauungen  unserer  heutigen  Zeit  aus  entschieden  zu  verwerfen.  Wohl  alle
verständigen  Anstaltsleiter  halten  heutzutage  daran  fest,  daß  es  dem  Schulorganismus
  zum  Segen  gereicht,  wenn  auch  der  junge  Lehrer,  falls  er  nur
einigermaßen  tüchtig  ist,  möglichst  bald  auch  in  den  Mittel-  und  ÖOberklassen
unterrichtet  und  wenn  andererseits  die  älteren  Herren  des  Lehrerkollegiums
durch  die  Unterrichtsverteilung  nicht  ganz  dem  Unter-  und  Mittelbau  der
Anstalt  entfremdet  werden.  Und  diese  Anschauung  hat  ihren  guten  Grund;
denn  die  9  Jahre  des  Lehrganges  der  höheren  Schulen  müssen  einen  durch
tausend  Fäden  nach  vor-  und  nach  rückwärts  innerlich  in  seinen  einzelnen
Teilen  verbundenen  Unterrichtsgang  darstellen,  von  VI  an  muß  gearbeitet  werden
im  Hinblick  auf  das,  was  dereinst  die  Mittel-  und  die  Oberklassen  bringen
werden,  das  Scharnier  zwischen  dem  Unterricht  in  Tertia  und  dem  in  Sekunda
und  Prima  muß  so  beschaffen  sein,  daß  kein  unnützes  Umlernen  nötig  wird,
und  der  Unterricht  in  den  Oberklassen  muß  festhalten  und  zur  Grundlage
nehmen,  was  in  den  vorhergehenden  Klassen  erreicht  und  von  den  Schülern

1)  Eine  solche  Darstellung  gibt  für  Preußen  und  Waldeck  die  auf  Veranlassung  des
Kgl.  Preuß.  Kultusministeriums  unter  Verwendung  amtlichen  Materials  im  Jahre  1903  bei
Dietrich  Reimer  (E.  Vohsen)  erschienene  ‘Karte  der  öffentlichen  höheren  Lehranstalten  im
Königreich  Preußen  und  Fürstentum  Waldeck’,