Einheitlichkeit  der  Schule  im  Längs-  wie  im  Querschnitt.  29

erworben  worden  ist.  Sollen  alle  diese  Forderungen  aber  erfüllt  werden,  so
genügt  es  nicht,  wenn  jedes  Mitglied  des  Lehrerkollegiums  die  einfach  selbstverständliche
  Pflicht  erfüllt,  wenigstens  an  der  Hand  der  Lehrbücher  den
Gesamtplan  des  Unterrichts  in  den  von  ihm  vertretenen  Fächern  in  sich  aufzunehmen,
  es  ist  vielmehr  unerläßlich,  daß,  wenn  möglich,  alle  Lehrer  sämtliche
  Klassenstufen  aus  eigener  Lehrerfahrung  kennen  lernen  und  diese  Kenntnis
tunlichst  oft  wieder  auffrischen.  Sie  bleiben  dann  im  lebendigen  Zusammenhang
  mit  der  Gesamtarbeit,  die  auf  dem  Gebiete  ihrer  Fächer  an  der  Anstalt
zu  leisten  ist,  bereiten  durch  die  Art  ihres  Unterrichtsverfahrens  zweckmäßig
schon  auf  der  Unterstufe  vor,  was  später  ‘oben’  in  erweiterter  und  vertiefter
Fassung  zur  Sprache  kommen  wird,  und  knüpfen  wiederum  bei  den  älteren
Schülern  an  die  Errungenschaften  des  Unterrichts  der  früheren  Jahre  in  sachkundiger
  Weise  an  —  durch  all  dies  aber  wird  bei  Lehrern  und  Schülern  unendlich
  viel  Zeit,  Kraft  und  gute  Laune  gespart,  die  andererseits  oft  jämmerlich
verloren  gehen,  wenn  die  höhere  Schule  ein  “‘Dreietagenbau  ohne  Treppenverbindung
  zwischen  den  einzelnen  Stockwerken  für  die  Person  der  Lehrer’
ist.!)  Fast  möchte  man  zu  dem  pädagogischen  Terminus  technicus  der  “Konzentration’,
  der  das  innere  Zusammengehen  der  verschiedenen  Fächer  bezeichnet,
als  gleichwichtiges  Gegenstück  einen  Terminus  technicus  prägen,  der  diese  Folgerichtigkeit
  und  stets  vor-  und  rückwärtsblickende  Einheitlichkeit  des  Vorgehens
innerhalb  der  einzelnen  Lehrgegenstände  kurz  zum  Ausdruck  bringt.  Doch
mag  der  pädagogischen  Theorie  das  Wort  immerhin  fehlen;  wenn  nur  in  der
pädagogischen  Praxis  die  Sache  vorhanden  ist  —  vorhanden  ist  als  Ergebnis
einer  von  kleinlichen  persönlichen  Rücksichten  freien  Auffassung  der  Unterrichtskunst
  bei  den  Lehrern  und  als  eine  wesentliche  Vorbedingung  für  die  volle
Gesundheit  des  inneren  Organismus  einer  Lehranstalt!

Neun  volle  Jahre  und  zwar  Jahre,  in  denen  Geist  und  Gemüt  des  jugendlichen
  Menschen  am  empfänglichsten  sind  für  jede  Erweiterung  des  Gesichtskreises
  und  für  jede  Bereicherung  des  lebendigen  Wissensschatzes,  gehört  unsere
Jugend  der  höheren  Schule  an.  Möchte  doch  jeder  Lehrer,  der  an  ihr  tätig
ist,  sich  vor  Augen  halten  und  an  den  Äußerungen  gewesener  Schüler  über
ihre  einstige  Schule  sich  immer  wieder  aufs  neue  zum  Bewußtsein  bringen,
welch  wundervolle  und  bedeutsame  Aufgabe  es  ist,  hier  —  jeder  an  seinem
Teile  —  die  richtigen  Mittel  und  Wege  zu  finden,  die  den  Schüler  zur  ‘Reife’,
immer  im  schulmäßigen  Sinne  des  Wortes,  führen!  Lehrkunst  zu  üben,  bei
der  Herz  und  Geist  der  Lernenden  wie  des  Lehrenden  selber  fröhlich  und  frei
bleiben,  und  dadurch  mitzuwirken  an  einem  gesunden  Verlauf  desjenigen
Teiles  der  Volkserziehung,  dessen  Bedeutung  zugleich  mit  der  seiner  Vertreter
gerade  die  hervorragendsten  und  tiefblickendsten  Staatsmänner  —  ich  erinnere
nur  an  Bismarcks  bekannte  Worte  —  stets  am  bereitwilligsten  anerkannt  haben.

1)  Vgl.  ‘Verhandlungen  über  Fragen  des  höheren  Unterrichts  usw.’  [s.  Anm.  1  9.  21]
8.  248.  Zum  Glück  erhalten  jetzt  durch  das  Seminarjahr  alle  Anfänger  im  Lehramt  Gelegenheit,
  wenigstens  als  Zuhörer  den  Gessmtorganismus  einer  höheren  Lehranstalt  im
Längsschnitt  und  im  Querschnitt  von  vornherein  kennen  zu  lernen.