54   Frıczz:  Der  Oberlehrerstand,  seine  geschichtliche  Entwicklung  und  heutige  Lage.

DER  OBERLEHRERSTAND,
SEINE  GESCHICHTLICHE  ENTWICKLUNG  UND  HEUTIGE  LAGE.

Von  Karı  FRricke.

I.  DIE  ENTWICKLUNG  DES  LEHRAMTS
BIS  ZUM  BEGINN  DES  NEUNZEHNTEN  JAHRHUNDERTS.

Das  Lehramt  an  den  höheren  Schulen  hat  im  Laufe  der  Zeit  mannigfache
Wandlungen  erfahren,  die  in  der  geschichtlichen  Vergangenheit  unseres  Unterrichtswesens
  begründet  sind.  Im  Mittelalter  waren  Erziehung  und  Unterricht
überall  mit  dem  geistlichen  Amte  verbunden.  Der  Kirche  gebührt  das  Verdienst,
  die  Keime  der  untergegangenen  antiken  Kultur  in  den  frischen  Nährboden
  der  jugendlichen  Völker  eingepflanzt  zu  haben,  die  für  die  Zukunft  in  der
Geschichte  eine  Rolle  spielen  sollten;  der  geistliche  Stand  war  als  privilegierter
Besitzer  aller  Woehrheit  und  aller  Kenntnisse  naturgemäß  auch  der  Lehrstand
und  hat  es  verstanden,  das  Lehramt  an  den  alten  Kloster-  und  Domschulen
zu  hohem  Ansehen  zu  bringen.  Auch  die  Universitäten,  ursprünglich  freie
Vereinigungen  von  Lehrenden  und  Lernenden,  konnten  sich  dem  Einflusse  der
Kirche  ebensowenig  entziehen  wie  die  Rats-  und  Stadtschulen,  die  seit  dem
13.  Jahrhundert  in  den  deutschen  Städten  mit  den  Kloster-  und  Domschulen  in
Wettbewerb  traten.  Letztere  bildeten  nach  der  Reformation  in  dem  protestantischen
  Deutschland  den  Ausgangspunkt  des  weltlichen  Schulwesens,  aus
ihnen  haben  sich  die  städtischen  Lateinschulen  entwickelt,  die  auf  Luthers
Ruf  „An  die  Ratsherren  aller  Städte  deutschen  Lands“!)  seit  dem  Jahre  1524,
zuerst  in  Magdeburg,  Eisleben  und  Nürnberg,  errichtet  wurden.  Die  ersten
staatlichen  Schulen  gründete  Herzog  Moritz  von  Sachsen,  indem  er  im
Jahre  1543  in  den  verlassenen  Klöstern  zu  Schulpforts,  St.  Afra  in  Meißen
und  Grimma  die  bekannten  Fürstenschulen  einrichtete  und  mit  den  eingezogenen
Kirchengütern  ausstattetee  Auch  die  Bezeichnungen  Gymnasium  und  Lyceum
  findet  man  schon  im  16.  Jahrhundert,  doch  verstand  man  darunter  häufig,
insbesondere  unter  dem  Namen  (Gymnasium  illustre,  Akademien  ohne  Promotionsrechte,
  Mittelformen  zwischen  Universität  und  Schule.

1  Dr.  Martin  Luthers  pädagog.  Schriften.  Wien  und  Leipzig  1884.  $S.  120f.