56  Fricxe:  Der  Oberlehrerstand,  seine  geschichtliche  Entwicklung  und  heutige  Lage.

18.  Jahrhundert,  wie  sie  z.  B.  in  den  schulreformatorischen  Bestrebungen  eines
Comenius  hervortreten,  im  großen  und  ganzen  spurlos  an  dem  öffentlichen
Schulwesen  vorüberging,  das  lag  doch  ohne  Zweifel  vor  allem  an  dem  Fehlen
der  zur  Durchführung  von  Reformen  tauglichen  Lehrkräfte  Der  Grund  ist
aber  leicht  zu  begreifen:  „DaB  sich  heute  kein  generoses  und  tugendreiches
ingenium  zum  Schulwesen  will  gebrauchen  lassen,“  so  schreibt  der  Hamburger
Prediger  Balthasar  Schupp'),  „rühret  daher,  daß  man  den  Schulbedienten
Zeisigenfutter  gibt,  aber  Eselsarbeit  auferlegt“  Ebenso  führt  die  braunschweigische
  Schulordnung  von  1651  in  einsichtiger  Weise  die  Mängel  der  Schule
darauf  zurück,  daß  man  sehr  wenig  rechtschaffen  qualifizierte  Lehrer  habe  und
daß  diese  nicht  bei  der  Schule  bleiben  wollten;  der  Grund  aber  liege  darin:
erstens,  „daß  die  praecepfores  so  viel  zu  ihrem  Sold  sich  nicht  zu  erfreuen  gehabt,
  daß  sie  notdürftiges  Essen  und  Trinken,  zu  geschweigen  Kleider  und
andere  unentbehrliche  Notdurft  nehmen  könnten,“  und  zweitens,  „daß  sie  keine
Ehre,  sondern  hingegen  lauter  Verachtung  und  Beschimpfung  in  bürgerlichen
Konversationen  und  Zusammenkünften  zu  erwarten  gehabt.“?”)  Weder  die  Höfe,
noch  die  ohnehin  nicht  sehr  wohlhabenden  Städte  ließen  der  Schule  und  ihren
Lehrern  die  für  eine  gedeihliche  Entwicklung  nötige  Unterstützung  zuteil  werden;
  es  herrschte  überall  ein  spießbürgerlicher  Quietismus,  der  die  richtige  Einsicht
  in  die  Bedeutung  des  Schulwesens  gar  nicht  aufkommen  ließ.  Welche
Rückwirkung  diese  Zustände  auf  die  Verfassung  der  Schulen  im  18.  Jahrhundert
ausübte,  darüber  belehrt  uns  ein  Urteil  von  A.  H.  Francke?):  „Die  meisten
Schulen  sind  so  übel  bestellet,  daß  von  denselben  Leute  kommen,  die  wohl
zwanzig  Jahr  alt  sind  und  darüber  und  dennoch  bedürfen,  daß  man  ihnen  in
den  fundamentis  der  lateinischen,  geschweige  der  griechischen  und  ebräischen
Sprache  besondere  Informationen  verschaffe,  wo  man  anders  will,  daB  sie  die
collegia  mit  Nutzen  frequentieren  sollen.“  Noch  schroffer  lautet  das  Urteil  seines
Schülers,  des  Propstes  Reinbeck*):  „Die  meisten  Schulen  sind  so  eingerichtet,
daß  die  allerwenigsten  Menschen  sich  derselben  mit  Nutzen  bedienen  können.“
Über  den  inneren  Betrieb  schreibt  Herder®):  „Es  ist  für  mich  unbegreiflich,
wie  unser  Jahrhundert  so  tief  in  die  Schatten,  in  die  dunklen  Werkstätten  des
Kunstmäßigen  sich  verlieren  kann,  ohne  auch  nicht  einmal  das  weite  helle  Licht
der  uneingekerkerten  Natur  erkennen  zu  wollen.  Aus  den  größten  Heldentaten
des  menschlichen  Geistes,  die  er  nur  im  Zusammenstoß  der  lebendigen  Welt
tun  und  äußern  konnte,  sind  Schulübungen  im  Staube  unserer  Lehrkerker,  aus
den  Meisterstücken  menschlicher  Dichtkunst  und  Beredsamkeit  Kindereien  geworden,
  an  welchen  greise  Kinder  und  junge  Kinder  Phrases  lernen  und  Regeln

1)  Th.  Bischoff,  J.  B.  Schupp.  Beilage  zum  Jahresbericht  des  Nürnberger  Realgymnasiums.
  1889.  —  Vgl.  F.  Paulsen,  a.8.0.  Bd.I.  8.  473.

r,  R.Vormbaum,  Evangelische  Schulordnungen.  Gütersloh  1860—64.  Bd.  I.  S.  4u7.
—  Vgl.  F.  Paulsen,  ebend.

%)  Angeführt  bei  F.  Paulsen,  a.  a.  O0.  S.  594.

",  Ebend.

6)  Ebend.  8.  598.