Das  Schulwesen  im  18.  Jahrhundert.  57

klauben.  Wir  haschen  ihre  Formalitäten  und  haben  ihren  Geist  verloren;  wir
lernen  ihre  Sprache  und  fühlen  nicht  die  lebendige  Welt  ihrer  Gedanken.“  —
Es  darf  uns  daher  nicht  wundern,  wenn  das  öffentliche  Schulwesen  immer  mehr
das  Vertrauen  der  gebildeten  Kreise  einbüßte,  und  in  dem  Zeitalter  Rousseaus
die  Privaterziehung  durch  Hofmeister  zur  Blüte  kam.

Die  Wendung  zum  Besseren  wurde  allmählich  angebahnt  in  dem  aufstrebenden
  preußischen  Staate  unter  Friedrich  dem  Großen.  Waren  die
Interessen  des  großen  Königs  auch  in  erster  Linie  der  äußeren  Wohlfahrt  seines
Landes  und  Volkes  zugewandt,  so  verkannte  er  doch  keineswegs  die  hohe  Bedeutung
  des  Öffentlichen  Bildungswesens.  Etwa  zu  derselben  Zeit,  in  der  in
den  katholischen  Nachbarländern,  in  Österreich  und  Bayern,  nsch  Aufhebung
des  Jesuitenordens  sich  die  staatliche  Regelung  des  gesanıten  Studienwesens  im
Sinne  der  Aufklärung  vollzog,  sehen  wir  auch  in  Preußen  den  Beginn  einer
Schulreform,  die  hauptsächlich  auf  das  Verdienst  des  Staatsministers  Freiherrn
v.  Zedlitz  zurückzuführen  ist.  Konnte  er  auch  nur  wenig  für  die  Besserung
der  finanziellen  Lage  des  Lehrerstandes  aufwenden,  so  faßte  er  doch  die  Hebung
der  pädagogischen  Ausbildung  ins  Auge,  so  durch  Gründung  des  pädagogischen
Seminars  zu  Halle,  zu  dessen  Leitung  der  Philologe  F.  A.  Wolf  berufen  wurde,
und  des  Gymnasialseminars  zu  Berlin  unter  Gedickes  Leitung.  Das  Schulwesen
  verdankt  ihm  ferner  die  Schaffung  einer  obersten  Behörde,  des  im
Jahre  1787  eingerichteten  Oberschulkollegiums.  Eine  der  ersten  Maßnahmen
  desselben  war  die  im  Jahre  1788  erlassene  Instruktion  über  die  Reifeprüfung
  der  zur  Universität  abgehenden  Schüler,  eine  Maßregel,  die  eine  Ausscheidung
  der  zu  dieser  Prüfung  berechtigten  Gymnasien  aus  der  großen  Zahl
der  übrigen  Lateinschulen  veranlaßte.

Der  innere  Ausbau  des  Gymnasialwesens  vollzog  sich  erst  unter  dem  Einflusse
  des  zur  Zeit  unserer  großen  Dichter  aufsteigenden  Ideals  des  neuen
Humanismus,  das  in  dem  klassischen  Altertum  die  Verkörperung  der  vollkommenen
  Menschlichkeit  erblickte.  Es  ist  das  Verdienst  von  Friedrich
August  Wolf,  der  das  von  ihm  geleitete  pädagogische  Seminar  in  Halle  ausdrücklich
  für  die  Studierenden  der  „Altertumswissenschaft“  bestimmte,  daß
sich  die  Vorbildung  für  das  Lehramt  endlich  von  dem  Studium  der  Theologie
vollständig  loslöste,  und  die  Erkenntnis  zum  Durchbruch  kam,  daß  Erziehung
und  Unterricht  eine  Kunst  ist,  die  besonders  gelernt  sein  will  und
nicht  ohne  weiteres  von  den  Theologen  im  Nebenberufe  geübt
werden  kann.

Wenn  es  auch  schon  vorher  in  vereinzelten  Fällen  vorgekommen  war,  daß
junge  Leute  sich  von  vornherein  auf  der  Universität  für  den  Lehrerberuf  vorbereiteten,
  so  fand  diese  Abweichung  von  der  hergebrachten  Regel  im  allgemeinen
doch  nur  wenig  Verständnis.  „Seit  einiger  Zeit“,  so  berichtet  Michaelis!)  im
Jahre  1768,  „haben  einige,  die  den  selten  rauhen  Vorsatz  mitbringen,  dereinst

)  D.  F.  Michaelis,  Räsonnement  über  die  protestantischen  Universitäten  in  Deutschland.
  Frankfurt  und  Leipzig  1768—76.  Bd.I.  S.146.  —  F.  Paulsen,  8.2.0.  Bd.II.  8.  158.