Der  Oberlehrerstand  im  19.  Jahrhundert.  65

Es  kommt  noch  hinzu,  daß  sich  von  jetzt  an  den  Gymnasiallehrern  nicht
nur  eine  gesicherte  Lebensstellung,  sondern  auch  die  Aussicht  bietet,  in  höhere
Stellungen  aufzurücken.  Sie  können  als  Direktoren  mit  der  Leitung  einer  Schule
beauftragt  und  als  Räte  in  ein  Provinzialschulkollegium  wie  auch  in  das  Unterrichtsministerium
  berufen  werden.  Die  veränderte  soziale  Lage  spiegelt  sich
in  den  Worten  eines  Zeitgenossen,  vom  Jahre  1838:  „Die  wissenschaftliche
Auszeichnung,  die  vorzügliche  Befähigung  im  Beruf,  der  anständige  Gehalt  und
die  durch  innere  Würdigkeit  bedingte  Aussicht,  verbunden  mit  der  rücksichtsvollen
  Behandlung  der  Schulmänner,  haben  diesen  Stand  mit  einer  Achtung
und  Anerkennung  in  der  bürgerlichen  Gesellschaft  umgeben,  die  ihm  sonst
nicht  zuteil  wurde  und  die  sehr  vorteilhaft  auf  ihn  selbst  zurückfließt.“!)  Über
den  Einfluß  der  veränderten  Verhältnisse  auf  den  Unterricht  an  den  Gymnasien
äußert  sich  Herbart  etwa  um  dieselbe  Zeit:  „Der  heutige  Unterricht,  besonders
auf  den  Gymnasien,  hat  eine  Fülle  und  einen  Glanz,  den  unsere  Jugendzeit
nicht  kannte;  und  es  könnte  uns  wohl  eine  Lust  anwandeln,  noch  einmal  wieder
jung  zu  werden,  um  den  Gymnasialkursus  so  vollständig  zu  machen,  wie  man
ihn  jetzt  den  empfänglichen  Köpfen  darbietet.  Ohne  Zweifel  empfinden  auch
die  heutigen  Lehrer,  wie  sehr  sie  geschätzt  werden,  und  so  kann  sich  Lust  und
Liebe  zum  Werke  weit  länger  halten  als  ehemals.  Die  Lehrer  bleiben  länger
brauchbar;  und  Reife  des  Alters,  der  Erfahrung,  des  Urteils  verbindet  sich
besser  mit  der  geschonten  Fähigkeit,  davon  die  praktische  Anwendung  zu
machen.  Gewiß  ein  großer  Vorteil  gegen  die  frühere  Zeit,  die  natürlich  den
schlechter  gestellten  und  weit  minder  geachteten  Lehrer  auch  viel  früher  abnutzte,
  während  sie  ihn  dennoch  fortdauernd  nutzen  wollte,  wenn  er  zu  nichts
„anderem  zu  gebrauchen  war.“”)  Diese  Ausführungen  Herbarts,  die  das  Widersinnige
  in  der  bureaukratischen  Ausnutzung  der  Lehrkräfte  zum  Ausdruck
bringen,  haben  auch  für  die  folgende  Entwicklung  ihre  Bedeutung  nicht
verloren.

Große  Ideen  finden  bei  Beginn  einer  Bewegung  eine  Stütze  in  sich  selbst,
in  der  Begeisterung  der  Führer  für  ihr  hohes  Ziel;  für  ihre  Befestigung,  für
ihren  dauernden  Erfolg  ist  eine  tatkräftige  finanzielle  Unterstützung  nicht  zu
entbehren.  Das  lehrt  vor  allem  der  schmähliche  Niedergang  des  öffentlichen
Bildungswesens  in  der  Zeit  von  der  Reformation  bis  zum  18.  Jahrhundert.

Auch  für  den  neugegründeten  Stand,  der  in  so  hohem  Maße  vermocht
hatte,  das  Ansehen  der  Gelehrtenschule  zu  heben,  ist  die  Forderung  einer  ihm
gebührenden  materiellen  Anerkennung  bald  nach  seiner  Gründung  laut  geworden.
Schon  in  dem  von  1826-1829  erschienen  Werke  „Über  gelehrte  Studien“
schrieb  F.  Thiersch:  „Honos  et  praemium  heißt  das  Geheimnis,  durch  das
allein  die  wissenschaftlichen  Dinge  gedeihen:  Ehre  dadurch,  daß  die  Stellung

)  Fr.  Thiersch,  Über  den  gegenwärtigen  Zustand  des  öffentlichen  Unterrichts.
Stuttgart  1888.  Bd.  I.  8.  460.  —  Vgl.  F.  Paulsen,  2.2.0.  Bd.I.  8.  387.
”)  Joh.  Fr.  Herbarts  pädagogische  Schriften,  hreg.  v.  O0.  Willmann.  Leipzig  1880.
ID.  Bd.  8.  295f.  Briefe  über  die  Anwendung  der  Psychologie  auf  die  Pädagogik.
Um  1831.
Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  b