68  Faicze:  Der  Oberlehrerstand,  seine  geschichtliche  Entwicklung  und  heutige  Lage.

alternen  Bureaudienst  erinnernden  Schreibarbeit  und  dergleichen  ständig  vermehrt
  wurde.  Das  Mißverhältnis  in  der  Würdigung  des  Standes  zu  seiner
nationalen  Bedeutung,  wie  sie  Bismarck  in  seiner  Ansprache  vom  8.  April  1895
an  die  preußischen  Öberlehrer  mit  trefflichen  Worten  anerkannt  hat,  rief  eine
an  Verbitterung  grenzende  Mißstimmung  hervor,  die  sich  in  periodisch  erscheinenden
  Zeitschriften!)  wie  in  zahlreichen  Broschüren?)  äußerte  Namentlich
erregten  die  auf  Überbürdung  zurückgeführten  ungünstigen  Alters-  und  Sterblichkeitsverhältnisse
  der  Oberlehrer  berechtigtes  Aufsehen,  die  auch  zu  amtlichen
Erhebungen  führten.°)  Die  Unzulänglichkeit  des  Normaletats  von  1892  zeigte
sich  schon  darin,  daß  in  der  kurzen  Zeit  von  1897—1902  nicht  weniger  als
fünf  Nachträge  notwendig  wurden,  die  aber  auch  schließlich  keine  volle  Befriedigung
  der  berechtigten  Wünsche  brachten.  Es  ist  doch  kein  haltbarer
Zustand,  den  ein  so  leidenschaftsloser  Beurteiler  der  Standesfragen  wie
F.  Seiler*)  im  Jahre  1902  schildert:  „Bei  mehreren  Kindern  kommt  der  ältere
Gymnasialprofessor,  falls  er  kein  Privatvermögen  besitzt,  in  diesen  Jahren“  —
in  denen  seine  Mittel  durch  die  Berufsausbildung  seiner  Söhne  und  dergleichen
in  Anspruch  genommen  werden  —  „nicht  ohne  Nebenverdienst  durch,  und  ein
solcher  ist  nicht  immer  und  nicht  an  allen  Orten  möglich.“  Belege  für  die
Richtigkeit  dieser  Darstellung  dürften  einem  jeden  aus  seinem  Bekanntenkreise
zur  Verfügung  stehen.  Solange  aber  der  Staat  seine  Beamten  auf  Nebenverdienst
  anweist,  ist  er  von  einer  befriedigenden  Lösung  der  Gehaltsfrage
noch  weit  entfernt.

Mehrere  Städte,  wie  Berlin,  Charlottenburg,  Grunewald  bei  Berlin,
Frankfurt  a.M.,  sind  über  den  preußischen  Etat  hinausgegangen,  nicht  unerheblich
  auch  die  beiden  Hansestädte  Hamburg  und  Lübeck®).  Indessen  ist  nicht
zu  übersehen,  daß  die  Vorteile  bis  zu  einem  gewissen  Grade  durch  die  teueren
Lebensverhältnisse  der  Großstadt  und  die  geringere  Aussicht,  in  höhere  Stellen
aufzurücken,  aufgewogen  werden.

ı)  Wir  erwähnen  hier:  Blätter  für  höheres  Schulwesen,  hreg.  von  Ritter;  Korrespondenzblatt
  für  den  akademisch  gebildeten  Lehrerstand,  hreg.  von  Kannengießer;  Pädagogisches
  Wochenblatt,  hrag.  von  Werner;  von  Bedeutung  war  auch  das  Erscheinen  des
Kunze-Kalenders  seit  1898.  -

”,  Namentlich  sind  bekannt  geworden  die  Schriften  von  H.  Schroeder,  Oberlehrer,
Richter,  Offiziere,  1896;  Der  höhere  Lehrerstand  in  Preußen,  1899;  Justitia  regnorum  fundamentum,
  1899;  Im  Kampf  ums  Recht,  1899;  Beiträge  zur  Oberlehrerfrage,  1900;  ferner
L.  Knöpfel,  Zur  Überbürdungsfrage  der  akademisch  gebildeten  Lehrer  Deutschlands,  1899;
A.  Kannengießer,  Ausscheidealter  und  Krankheiten  der  Direktoren  und  Oberlehrer  an
den  höheren  Lehranstalten  Preußens,  1900;  H.  Steinmeyer,  Der  Oberlehrerstand  und  seine
Lage,  1900;  H.  Wermbter,  Die  höhere  Schullaufbahn  in  Preußen,  1901.

s)  Vergl.  darüber  die  ausführliche  Darstellung  von  F.  Eulenburg  in  „Beiträge  zur
Oberlehrerfrage“,  Leipzig  1908.  8.  68f.:  Überbürdung;  8.  72f.:  Sterblichkeit.  Vergleich
mit  anderen  Berufen.

%)  Buch  der  Berufe:  Der  Oberlehrer.  8.  44.

6,  Eine  sorgfältige  und  übersichtliche  Zusammenstellung  bietet  die  kleine  Schrift:
„Die  Lage  der  Oberlehrer  in  Bremen“.  (Denkschrift,  herausgegeben  im  Auftrage
der  Vereinigung  akademisch  gebildeter  Lehrer  in  Bremen.  Bremen,  G.  Winter.  1908.)