Der  erste  Deutsche  Oberlehrertag.  69

Die  unbefriedigende  Lage  hat  dahin  geführt,  daß  die  Oberlehrervereine,  die
zum  Teil  schon  seit  dem  ersten  Jahrzehnt  des  Deutschen  Reiches  bestehen  und
in  Preußen  bereits  in  der  Delegiertenkonferenz  eine  gemeinsame  Vertretung
hatten,  sich  zu  einem  allgemeinen  Verbande  akademisch  gebildeter  Lehrer
zusammengeschlossen  haben.  Nachdem  im  Jahre  1903  eine  Vorversammlung
in  Halle  einen  Ausschuß  zur  Beratung  der  Satzungen  gewählt  hatte,  trat  am
9.  April  1904  der  erste  Deutsche  Oberlehrertag  in  Darmstadt  zusammen.

F.  Paulsen  hielt  die  Weiherede.  Er  sprach  über  das  Thema:  „Die  höheren
Schulen  Deutschlands  und  ihr  Lehrerstand  in  ihrem  Verhältnis  zum  Staat  und
zur  geistigen  Kultur“!)  und  behandelte  die  Stellung  des  deutschen  Oberlehrers
in  seiner  Zugehörigkeit  zur  Wissenschaft  wie  zum  Beamtentum;  er  bezeichnet
ihn  als  „Kulturbeamten“  und  feiert  ihn  als  einen  Mann,  „dem  das  lebendigste
Bewußtsein  von  der  Beziehung  jedes  Wissens  auf  die  Einheit  menschlicher
Bildung  eignen  sollte“;  dazu  gehört  aber  „Freiheit  für  persönliche  Wirksamkeit
und  für  die  Entfaltung  persönlicher  Kräfte“.?)  Die  Mahnung  richtet  rich  aber
nicht  nur  nach  oben,  sondern  auch  an  den  Lehrerstand  selbst.  Er  sagt  9.  29:
„Es  wird  sich  darum  handeln,  daß  auch  der  Lehrerstand  selbst  sich  mit  dem
Willen  zur  Freiheit  durchringt.  Es  fehlt  wohl  nicht  ganz  an  Lehrern,  die  nach
Verordnungen  und  Reglements  und  wieder  nach  Interpretationen  von  Verordnungen
  und  Reglements  rufen.  Es  sind  diejenigen,  die  nichts  der  Freiheit
anheimgestellt  haben  mögen,  weil  sie  dadurch  zugleich  mit  Verantwortlichkeit
belastet  werden.  Das  ist  die  Gesinnung  des  Mietlings,  der  bloß  ein  festbegrenztes
Maß  jeder  Arbeitsleistung  tun  will,  der  Debita  prästieren,  aber  nicht  seine  Person
einsetzen  will.“

Die  ideale  Aufgabe,  deren  Lösung  wir  mit  Paulsen  von  dem  deutschen
Oberlehrer  erwarten,  wird  erst  dann  Aussicht  auf  Erfolg  haben,  wenn  Staat
und  Gesellschaft  diesem  Stande  diejenige  wirtschaftliche  und  soziale  Stellung
zubilligen,  die  auch  den  vornehmsten  und  tüchtigsten  Kräften  der  Nation  den
Eintritt  in  diese  Laufbahn  erstrebenswert  erscheinen  läßt.  Es  ist  das  im  wesentlichen
  eine  Sache  der  sozialen  Auslese.  Alle  Erfahrungen  weisen  uns  aber
darauf  hin,  daß  eine  gute  Auslese  nicht  ohne  Kampf  erreicht  wird,  und  inmitten
der  sozialen  Gegensätze  unserer  Zeit  erwächst  daraus  jedem  einzelnen  die
Pflicht,  für  die  wirtschaftliche  Stellung  und  für  die  gesellschaftliche  Geltung  des
eigenen  Standes  offen  und  entschieden  einzutreten.

Auf  der  anderen  Seite  wird  der  Öberlehrer  sich  vergegenwärtigen,  daß
Äußerlichkeiten  im  Auftreten  ebensowenig  wie  das  bloße  Stundengeben  das  Ansehen
  und  die  Lage  des  Standes  zu  heben  vermögen,  sondern  daß  nur  die  volle
Entfaltung  der  inneren  Tüchtigkeit  und  tatkräftige  Begeisterung  für  die  hohe
Aufgabe  des  Berufs  zum  Ziele  führt.

1)  Im  Druck  erschienen  Braunschweig  1904.
!)  Vergl.  damit  auch  die  Ausführungen  von  W.  Ostwald  auf  der  75.  Versammlung
Deutscher  Naturforscher  und  Ärzte  zu  Cassel,  25.  September  1908.