Geschichte  der  Religionslehre  im  allgemeinen.  11

EVANGELISCHE  RELIGIONSLEHRE.

Von  Lic.  Hans  VOLLMER.

GESCHICHTE  IM  ALLGEMEINEN.

Ein  planmäßiger  religiöser  Jugendunterricht  als  besondere  Aufgabe  der
Schule  ist  —  von  den  rein  klerikalen  Erziehungsanstalten  zunächst  abgesehen  —
dem  Mittelalter  fremd.  Erst  zur  Zeit  des  Humanismus  treten  in  den  uns
erhaltenen  vorreformatorischen  Schulordnungen  vereinzelt  Anweisungen  dieser
Richtung  hervor.  Zwar  finden  sich  schon  vorher  religiöse  Stoffe  unter  den
Lehrgegenständen,  auch  der  kleineren  Stadt-  und  Schreibschulen;  aber  sie  begegnen
  uns  hier  nur  beim  Leseunterricht  und  bei  grammatischen  oder  gesanglichen
  Übungen.  Dennoch  darf  auch  ein  skizzenhafter  Überblick  über  die
Entwicklung  des  evangelischen  schulmäßigen  Religionsunterrichts  in  Deutschland
  nicht  ohne  weiteres  bei  der  Reformation  einsetzen:  das  gäbe  ein  ungeschichtliches
  Bild;  denn  nicht  nur  der  Humanismus  oder  die  böhmischen  Brüder,
sondern  auch  die  Ansätze  zu  einer  religiösen  Volks-  und  Jugendbildung  seitens
der  mittelalterlichen  Kirche,  ihre  Beichtpraxis  sowie  Katechismuspredigt  und
-Lteratur  haben  Einfluß  auf  den  schulmäßigen  evangelischen  Religionsunterricht
der  Folgezeit  gehabt.)

Als  das  Christentum  in  Deutschland  Wurzel  faßte,  sahen  sich  seine  Vertreter
bezüglich  der  Propaganda  durch  religiöse  Belehrung  vor  neue  Aufgaben  gestellt.
Der  Katechumenat  der  alten  Kirche  war  nicht  nur  an  den  Massentaufen  und  der
früh  auftretenden  Kindertaufe,  sondern  auch  an  dem  so  zäh  gewahrten  Scheinwesen

.  1)  Innerhalb  des  äußerst  knappen  vorgeschriebenen  Umfangs  dieser  Darstellung  ist
dem  Geschichtlichen  ein  verhältnismäßig  breiter  Raum  gegönnt,  weil  es  darüber  etwas  Zusammenfassendes
  nicht  gibt  und  ich  deshalb  hoffen  darf,  damit  allen  etwas  zu  bieten,  auch
denen,  die  die  im  weiteren  vertretene  Position  nicht  teilen  können  oder  wollen.  Doch  war
auch  innerhalb  dieses  ersten  Teiles  bei  der  Überfülle  des  Stoffs  äußerste  Kürze  geboten;
ich  muß  deshalb  auf  meine  Vorarbeiten  zu  diesem  Abriß  verweisen:  “Theoduli  ecloga  und
die  Catalogi  des  Otto  Brunfels’  in  der  von  Baumgarten-Kiel  herausgegebenen  Monatsschrift
für  die  kirchliche  Praxis  1904,  8.  321—338,  "Nachträge  zu  Theoduli  ecloga’  und  ‘Dialogorum
  sacrorum  libri  quatuor  autore  Sebast.  Castillione’  ebenda  1904,  8.  472—479;  namentlich
"Beiträge  zur  Geschichte  des  biblischen  Unterrichts,  besonders  in  Deutschland,  vor  Justus
Gesenius  und  Johann  Hübner’  (vom  Altertum  an)  in  den  Mitteilungen  der  Gesellschaft  für
deutsche  Erziehungs-  und  Schulgeschichte,  herausgegeben  von  ‚Kehrbach  XIV  (1904)
8.  278—805.