Der  mittelalterliche  Religionsunterricht.  13

Die  kirchliche  Unterweisung  der  Jugend  hat  man  sich  nun  aber  auch  keineswegs
  planmäßig  vorzustellen,  etwa  nach  Art  der  heutigen  Kinderlehre.  Die  Beichte
bot  Gelegenheit,  das  Wissen  der  Kinder  auch  direkt  zu  prüfen,  besonders  seitdem
die  schon  früher  übliche  Kinderbeichte  durch  die  IV.  Lateransynode  1215  zur  Pflicht
wurde.  Die  Synode  setzt  die  anni  discretionis  als  terminus  a  quo;  in  praxi  scheint
der  Beginn  zwischen  dem  7.  und  14.  Lebensjahr  geschwankt  zu  haben.  Alsbald
schreiben  auch  die  Beichtbücher  dem  Beichtiger  vor,  nach  dem  Glauben,  dem  Vaterunser,
  mehr  und  mehr  auch  nach  den  zehn  Geboten  zu  fragen,  und  das  Verhör  folgt
oft  dem  Inhalt  dieser  Hauptstücke.!)  Von  weiteren  Katechismusstoffen,  die  ebenso
zugleich  als  Beichtkanon  Verwendung  fanden,  wird  noch  zu  reden  sein.  Eine  von
dem  Entdecker,  Johannes  Geffcken,  als  “Beichtbüchlein’  bezeichnete  titellose  Schrift
des  Frankfurter  Kaplans  Johannes  Wolff  vom  Jahre  1478  (G.  B.  26ff.)  zeigt  in
ihren  nach  dem  Dekalog  geordneten  Beichtschematen  zugleich,  wie  man  der  bei
solchem  Verhör  naheliegenden  Gedankenlosigkeit  der  beichtenden  Kinder  zu  begegnen
suchte.  Die  offenbar  vorgesprochenen  Geständnisse  “Zehen  dusent  gulden  han  ich
dem  rait  zu  frankenfort  gestolen’  oder  gar  ‘Ich  han  den  keyser  mit  einer  strid  axsz
zu  tode  geschlagen’  sollten  den  kleinen  Sünder  aus  dem  Schlaf  aufrütteln.  —
Übrigens  ist  die  eigentliche  Tendenz  und  Bedeutung  der  Wolffschen  Schrift  erst  .aus
der  durch  Ferdinand  Cohrs  bekannt  gewordenen  Fortsetzung  zu  ersehen.)  Hatten
schon  andere  vor  ihm,  z.  B.  Wicliff  in  seinem  Poor  Caitiff  (G.  B.  Beilagen  214ff.),
auf  die  große  Bedeutung  des  Dekalogs  hingewiesen,  so  suchte  Wolff  ihn  gegenüber
dem  bunten  Ballast  der  7  Todsünden,?)  der  fremden,  stummen  und  rufenden  Sünden,
der  7  Haupttugenden,  der  6  Werke  der  Barmherzigkeit,  der  7  Gaben  des  Heiligen
Geistes  usw.,  die  sich  allmählich  als  Ersatz  für  den  Dekalog  oder  als  Ergänzung
dazu  eingebürgert  hatten,  als  durchaus  zureichende  Summe  christlicher  Sittlichkeit  zu
erweisen  und  ihm  seine  feste  Stelle  neben  Credo  und  Pater  noster  zu  sichern.  Man
sieht:  der  weisen  Beschränkung,  die  wir  an  Luthers  Katechisınen  als  besonderen
pädagogischen  Vorzug  rühmen,  hat  mittelalterliche  Einsicht  schon  vorgearbeitet.*)  —
Bezeichnend  ist  wiederum,  wie  Wolff  die  gewünschte  allgemeine  Bekanntschaft  mit
dem  Dekalog  zu  erreichen  denkt;  er  verspricht  sie  sich  ex  frequenti  explicacione
decem  praeceptorum  in  ambone  post  symbolum  apostolicum  —  also  im  Gottesdienst  —,
und  als  eine  unter  vielen  anderen  Früchten  dieser  Behandlung  nennt  er  dann  an
elfter  Stelle:  praecepta  venirent  ad  pueros.  Mit  der  Schule  wird  also  auch  hier  noch
nicht  gerechnet.

Den  Erfolg  einer  solchen  Belehrung  darf  man  sich  natürlich  bei  der  Jugend
nicht  eben  groß  denken.  Gewiß  werden  tieferblickende  und  gewissenhafte  Geistliche
besonders  auffallender  Unwissenheit  hie  und  da  privatim  oder  in  Massen  nachgeholfen
haben.  Dabei  mag  es  zugegangen  sein,  wie  man  eg  der  Erzählung  eines  katholischen
Darstellers  zufolge  noch  heute  in  Italien  beobachten  kann,  wo  man  Katechumenen

Vgl.  z.  B.  ‘Der  Bilderkatechismus  des  15.  Jahrhunderts  usw.  I.  Die  zehn  Gebote’
(Leipzig  1855)  von  Johannes  Geffcken  (im  folgenden  G.B.  zitiert),  Beilagen  9.  128  ff.

9)  Zeitschr.  f.  prakt.  Theologie  XX  1898,  S.  289  ff.

»,  Superbia,  avarıtia,  Iuzuria  (Unkeuschheit),  invidia,  gula,  ira,  acedia  (Trägheit);
Merkwort:  “saligia’.

%  Vgl.  auch  die  in  dem  Manuale  Curatorum  des  Joannes  Ulricus  Surgant  in  Basel
vom  Jahre  1502  (G.  B.  Beil.  196ff.)  erwähnten  Synodalbeschlüsse,  wonach  dem  Volke  sonntäglich
  das  Vaterunser,  das  Ave  Maris,  der  Glaube  und  die  zehn  Gebote  in  der  Muttersprache
  zur  Einprägung  vorgesprochen  werden  sollen,