14  Vorıser:  Evangelische  Religionslehre.

im  Alter  von  18  bis  zu  7  Jahren  zugleich  in  der  Kirche  unterrichtet,  indem  man
ihnen  Satz  für  Satz  des  zu  lernenden  Katechismusstücks  vorspricht  und  so  lange
wiederholen  läßt,  bis  die  Schiller  ihn  sich  merken.  ‘Es  war  ein  schreckliches
Geplärre.’!)  —  Im  allgemeinen  aber  widmet  die  Kirche  der  religiösen  Unterweisung
der  Jugend  noch  keine  besondere  Aufmerksamkeit:  Volksbelehrung  und  Jugendunterricht
  unterscheidet  sie  noch  nicht.  Wenn  die  Tradition  der  edlen  Erscheinung  des
Jean  Charlier  Gerson  besondere  Verdienste  um  die  religiöse  Unterweisung  der  Jugend
zuschreibt,  so  ist  diese  aus  dem  Inhalt  seiner  Schriften  jedenfalls  nicht  zu  entnehmende
  Vorstellung  zum  Teil  aus  der  Tatsache  abzuleiten,  daß  er  der  Jugend
überhaupt  besonderes  Interesse  schenkte.  Doch  bekundete  er  dieses  mehr  nach  der
seelsorgerlichen  als  nach  der  instruktiven  Seite.  Zwar  tritt  er  wiederholt  für  Schulen
und  Unterricht  ein:  Ecclesiae  siquidem  reformatio  —  siwut  quidam  ait  —  debet  inchoari
  a  parvulis,  quoniam  eius  deformalio  venit  ab  eis  prave  et  nequiter  instilulis
(II  549).  Seine  vielgenannte  Rechtfertigungschrift  De  parvulis  trahendis  ad  Christum
zeigt  ihn  uns  als  treuen  Beichtvater  der  Jugend,  der  er  das  Geständnis  der  geheimsten
  Sünden  zu  entlocken  weiß.  Aber  dem  religiösen  Jugendunterricht  direkt
und  ausschließlich  ist  keine  Schrift  Gersons  gewidmet.”)  Das  Opusculum  tripertitum
de  praeceptis  Decalogi,  de  Confessione  et  de  Arte  moriendi  ist  in  der  Vorrede  erst  an
dritter  Stelle  für  die  pueri  ct  iwvenes  bestimmt;  und  im  Inhalt  bemerkt  man  nirgends
besondere  Rücksicht  auf  die  Jugend.

So  ist  es  aber  fast  durchweg  mit  der  Katechismusliteratur  des  ausgehenden
Mittelalters  bestellt.  Man  gestatte  der  Kürze  halber  den  Ausdruck  ‘Katechismus’,
wiewohl  er  sich  im  Sinne  einer  Lehrschrift  erst  seit  Luther  nachweisen  läßt,  und
wiewohl  wir  nach  unserem  Gebrauch  leicht  den  hier  irreführenden  Begriff  einer
Kinderschrift  in  Frage-  und  Antwortform  damit  verbinden.  Die  mittelalterlichen
Katechismen  sind  im  besten  Falle  Volksbücher.  Was  Geffcken  in  seinen  Beilagen
zusammengestellt  hat,®)  gehört,  soweit  es  sich  nicht  an  Personen  geistlichen  Standes
richtet,  ausnahmslos  unter  diese  Rubrik.  Die  Anrede  ‘libe  kynt’,  wie  wir  sie  in  der
1406  nachweisbaren  Schrift  “Der  Seele  Trost”  (G.  B.  Beil.  98ff.)  finden,  bezieht  sich
auf  die  Beichtkinder.  Wenn  auch  inhaltlich  gerade  diese  Schrift  durch  ihre  “Exempla’
als  besonders  geeignet  für  den  Jugendunterricht  erscheinen  könnte,*)  so  zeigen  doch
schon  die  Erläuterungen  zum  10.  Gebot  zur  Genüge,-  daß  sie  nicht  für  Kinder  berechnet
  war.

Man  sieht,  von  einer  besonderen  Pflege  des  religiösen  Jugendunterrichts  durch
die  Kirche  kann  auch  im  ausgehenden  Mittelalter  nicht  die  Rede  sein.  Sehen  wir
nun  im  einzelnen  zu,  was  die  Schulen  leisteten.  Naturgemäß  tritt  der  religiöse
Stoff  in  den  Bildungsanstalten  zukünftiger  Kleriker,  also  den  Kloster-,  Dom-  und

 J.  Baier,  Der  heilige  Bruno,  Bischof  von  Würzburg,  als  Katechet.  Ein  Beitrag
zur  deutschen  Schulgeschichte.  Würzburg  1893,  8.  46.

»)  Der  Donatus  moralizatus  stammt  nicht  von  ihm,  wäre  seiner  auch  unwert.

®»)  Vgl.auch  Janssen  I®  86ff.;,  Bahlmann,  Deutschlands  katholische  Katechismen  usw.
Münster  1894.

*)  Die  Gebote  werden  durch  Geschichten  illustriert,  die  sum  Teil  aus  der  Bibel
stammen,  hier  freilich  vielfach  legendenhaft  aufgeputzt  erscheinen,  zum  Teil  aber  auch
profane  Erzählungen  mit  geistlich-moralischer  Abzweckung  sind,  darunter  z.B.  drei  Exempla,
wohl  aus  Quellen  wie  Rudolf  von  Ems  stammend,  in  denen  man  sofort  die  Fabeln  zu
Schillers  “"Bürgschaft’,  dem  “Gang  nach  dem  Eisenhammer’  und  zu  Rückerts  Parabel  "Es
ging  ein  Mann  im  Syrerland’  erkennt.