Der  mittelalterliche  Religionsunterricht.  75

Stiftsschulen,  stärker  hervor.  Eine  früher  dem  Bruno  von  Würzburg  zugeschriebene
Erklärung  des  Symbolums  und  des  Vaterunsers  in  Frage-  und  Antwortform,!)  die
jedoch  schon  in  der  Disputatio  puerorum  des  Alcuin  enthalten  ist,  mag  in  manchen
Schulen  im  Gebrauch  gewesen  sein.  Sie  aber  als  ‘eine  Art  Musterkatechese  im
fränkischen  Reich’?)  hinzustellen,  dafür  fehlt  der  Anhalt.  Sehr  verbreitet  war  die
sogenannte  Theoduli  ecloga  (Theodulus  =  Gottschalk?®)).  Dieses  wohl  im  9.  Jahrhundert
  in  Nachbildung  der  Vergilschen  Hirtenwettgesänge  geschriebene  hexametrische
lateinische  Gedicht  stellt  den  Gestalten  und  Wundern  der  antiken  Sage  alttestamentliche
  Figuren  und  Geschichten  gegenüber,  so  indessen,  daß  deutlich  die  alttestamentliche
  Folge  der  Begebenheiten  die  Anordnung  bestimmt.  Daß  dies  Gedicht,  besonders
  im  ausgehenden  Mittelalter  in  Schulen  behandelt  wurde,  ist  sicher.

Die  weite  Verbreitung  dieser  Ecloga  ist  neben  den  vielfach  in  den  Schulen  der
Kleriker  behandelten  lateinischen  Epen  biblischen  Inhalts  ein  wichtiges  Dokument
dafür,  daß  es  mit  der  äußerlichen  Kenntnis  dieses  Inhalts  jedenfalls  an  manchen
Orten  nicht  ganz  so  schlimm  aussah,  wie  man  es  häufig  dargestellt  findet.  Das
beweisen  auch  die  Bibelkunde  in  Kapitel  7  und  8  der  Disputatio  puerorum  Alcuins
und  das  Summarium  biblicum  des  Alexander  de  Villa  Dei.  Und  daß  man  damals
in  den  Schulen  auch  in  das  Studium  der  heiligen  Schriften  selbst  einführte,  lehren
uns  besser  noch  als  die  Kommentare  eines  Hrabanus  die  in  zahlreichen  Handschriften
des  8.  bis  12.  Jahrhunderts  erhaltenen  deutschen  und  lateinischen  Rand-  und  Interlinearglossen,
  sowie  die  mittelalterlichen  deutschen  Übersetzungsversuche.  Anderseits
zeigen  die  Scholastica  historia  des  Petrus  Comestor,  die  großenteils  auf  sie  zurückgehenden
  sogenannten  Historienbibeln  oder  die  Exempla  des  “Seelentrost’,  wie  sich
vielfach  die  biblische  Erzählung  zur  Legende  umgestaltete.

Als  Memorierstoff  findet  sich  neben  dem  Symbolum  und  Pater  noster  vor  allem
der  Psalter.*)  Auch  der  Cisio-Janus,  jenes  um  1200  auftauchende  hexametrische  Machwerk
  zur  Erlernung  der  kirchlichen  Festtage  (Sillaba  quueque  diem,  duo  versus  dant
tibi  mensem)°)  ist  in  diesem  Zusammenhang  zu  erwähnen.  Das  Mitgeteilte  wird
den  Eindruck  erwecken,  als  sei  in  diesen  rein  geistlichen  Bildungsanstalten  immerhin
ein  fester  Besitz  von  positiven  religiösen  Kenntnissen  vermittelt  worden.  Vor  Überschätzung
  solcher  Kenntnisse  und  ihrer  Verbreitung  bewahrt  uns  neben  anderen  eine
Synodalbestimmung  aus  Köln  vom  Jahre  1260.  “Es  müssen  zwar’  —  heißt  es
hier  —  nicht  alle  Kleriker  gelehrt  sein;  beim  Gottesdienst  sollen  aber  alle  desen  und
singen  können.’®)

!)  Die  erotematische  Form  der  Katechismen,  mag  nun  der  Schüler  fragen,  der  Lehrer
antworten  oder  umgekehrt,  sollte  man  nicht  mehr  als  besonderes  Problem  behandeln  und
etwa  aus  der  Beichtfrage  zu  erklären  suchen.  Diese  so  natürliche  Form  lag  ja  doch  für
andere  Lehrgebiete  längst  vor,  z.  B.  in  der  Are  minor  des  Donat  (Heinrich  Keil,  Grammatici
latini  IV  8.  355).  Zudem  ist  der  Dialog  als  Darstellungsform  im  ausgehenden  Mittelalter  auch
sonst  häufig,  z.  B.  Gerson  IV  235  ff.u.a.  Vgl.  dazu  ‘Die  lateinischen  Schülergespräche  der
Humanisten’  (A.  Bömer,  Berlin  I  1897;  11  1899).  Auch  die  Disp.  puer.  ist  ein  Schülergespräch.

r),  Ferdinand  Probst,  Geschichte  der  katholischen  Katechese  1886,  S.  89.

s)  So  neuerdings  Paul  von  Winterfeld  (})  in  einer  privaten  Mitteilung.

4,  Zahlreiche  Zeugnisse  bei  Specht,  Geschichte  des  Unterrichtswesens  in  Deutschland
von  den  ältesten  Zeiten  bis  zur  Mitte  des  13.  Jahrhunderts.  Stuttgart  1885  S.  60ff.  262;
Baier  a.  a.  0.  48ff.

5)  Am  besten  orientiert  M  Q  234ff.  Vgl.  auch  die  Canones  des  Bartholomaeus  Coloniensis,
  Mittin.  VIII  272  ff.

©,  Probst  a.  a.  O.  69.