16  Vorımer:  Evangelische  Religionslehre.

Was  die  erhaltenen  Schulordnungen  in  betreff  der  nichtgeistlichen  Anstalten  ergeben,
  ist  schon  eingangs  erwähnt.  In  einer  Verfügung  der  kirchlichen  Behörde  für
die  städtische  Schule  des  Pfarrsprengels  St.  Magdalenen  in  Breslau  vom  Jahre  1267
erscheint  außer  den  üblichen  Elementen  neben  Donat  und  der  nach  Cato  benannten
Sentenzensammlung  auch  Theodul.!)  Sonst  aber  zeigt  die  Kirche  ein  eifersüchtiges
Bestreben,  das  Maß  der  an  den  städtischen  Anstalten  vermittelten  Kenntnisse  möglichst
  zu  beschränken.  Im  15.  Jahrhundert  verbieten  mehrere  niederdeutsche  Schulverträge
  ausdrücklich,  daß  die  Schreibschulen  irgend  etwas  anderes  lehren  “wan
schriven  und  lesen  dat  alfabet  und  düdesche  boke  und  breve.’?)  Für  die  Lateinschulen
  aber  finden  sich  wohl  ausführliche  Bestimmungen  über  die  Pflege  des  kirchlichen
  Gesanges  und  die  Teilnahme  am  Gottesdienst,  so  gut  wie  gar  nichts  aber  über
einen  eigentliehen  Unterricht  in  Religion.  Im  besten  Fall  erhielten  die  Schüler  als
Nebenertrag  der  elementaren  Unterweisung  eine  sichere  Kenntnis  und  annäherndes
Verständnis  auch  des  lateinischen  Wortlauts  einiger  katechetischen  Hauptstücke.  Eine
Vorstellung  von  der  Lehrart  gewinnen  wir  aus  der  Anweisung,  die  zu  Anfang  des
15.  Jahrhunderts  ein  Franziskaner  seiner  Schwester  Taleke  für  den  Unterricht  ihrer
Kinder  gibt.  In  der  Weise  der  Interlinearversionen  sind  hier  Pater  noster,  Credo,
Hymnen,  Psalmen  und  Gebete  verdeutscht.’)  Auch  hingen  solche  Memorierstücke  in
den  Schulen  auf  Tafeln  aus  nach  Art  des  bekannten  Züricher  Wandkatechismus  vom
Jahre  1525  (GB  Beil.  203).  Nach  einer  Verordnung  für  die  Stadtschule  zu  Schleiz
vom  Jahre  1492  sollen  sich  die  Kinder  ‘die  tafeln  des  abc,  das  paternoster,  das
benedicite  und  das  gratias  ..  umb  ein  zcymlich  gelt.....  kauffen’  (MS  113).  Sie
sind  demnach  im  Besitze  von  Lesebüchern  mit  religiösem  Inhalt  zu  denken.

Nicht  unbegründet  war  also  das  Wort  bei  Mathesius:  “Wie  nun  der  Sohn  Gottes
seine  Getauften  wunderbarlich  unterm  Bapstthum  erhielt,  also  bewahrte  er  ihnen
auch  etliche  Stücklein  des  Catechismi  in  Häusern  und  Schulen.  Denn  Eltern  und
Schulmeister  lehreten  ihre  Kinder  die  zehn  Gebote,  Glauben  und  Vater  unser.’)
Aber  ebenso  richtig  konnte  Melanchthon  in  der  Apologie  sagen:  “Apud  adversarios
nulla  prorsus  cst  xarnynoıs  pucrorum’;  denn  von  einer  eigentlichen  Unterweisung,
einer  inhaltlichen  Erklärung  zeigt  sich  im  Bereiche  der  Kirche  keine  Spur.  Einige

)  Specht  a.  a.  O.  250.  Schon  die  Zusammenstellung  zeigt,  daß  dieser  Theodul,
wie  vielfach  auch  die  Proverbien,  in  erster  Linie  als  Übungsstoff  für  den  Lese-  und  Sprachunterrich®
  in  Betracht  kam.

»,  MS48  (vgl.  MGp  I  20),  36,  71,  94.  Das  richtet  sich  doch  wohl  nicht  nur  gegen
die  Pflege  des  Lateinischen.  Dennoch  hat  auch  in  solchen  Schulen  gewiß  mancher  deutsche
Schulmeister  mehr  geleistet.  Bisweilen  zeigt  sich  das  Streben,  den  Kindern  das  Auswendiglernen
  religiöser  Stoffe  durch  Reime  zu  erleichtern.  So  brachte  um  1480  der  Bayer  Christoph
Hueber  die  10  Gebote  in  ganz  leidliche  Verse.  MQ  329  Anm.  76.

s,  Progr.  der  Großen  Stadtschule  zu  Rostock  1873,  8.  18ff.  (Zu  dieser  Art  der  Verdeutschung
  vgl.  auch  MS  218.)  Übrigens  wird  nicht  klar,  wer  den  Unterricht  erteilt.
‘Item  wen  se  uth  der  schule  kamen,  so  lerth  en  de  vicaria  vort....  dat  lignum  vite,  unde
den  Donatus,  unde  den  Katonem,  hebben  ze  mer  tyd,  so  dudet  me  en  epistolen  unde  evangelii
  (sic)  unde  sermones  de  sanctis,  unde  dat  Kalendarium.’  Bezieht  sich  das  auf  Klosterunterricht,
  oder  haben  wir  es  mit  besonderen  Verhältnissen,  etwas  auf  dem  Lande,  zu  tun?

%  In  der  VI.  der  Predigten  über  Luthers  Leben,  bei  Lösche  (Prag  1898)  S.128f.  Vgl.
auch,  was  er  in  der  I.  Predigt  (Lösche  $.  16)  über  den  kleinen  Luther  erzählt,  der  in  der
Lateinischen  Schule  “sein  zehen  Gebot,  Kinderglauben,  Vatter  unser  neben  dem  Donat,
Kinder-Grammatiken,  Cisio-Janus  und  Christlichen  gesengen  fein  fleissig  und  schleunig  gelernet’
  habe,