18  VorLwer:  Evangelische  Religionslehre.

auf  diese  drei  Stücke  ist  gewissermaßen  die  Summa  der  Reform  beim  Ausgang
des  Mittelalters.  Die  dargebotenen  Auslegungen  sind  zum  größten  Teil  aus
Luthers  Katechismuspredigten  hervorgewschsen,  die  uns  gleichfalls  auf  das.
Mittelalter  zurückweisen.  Und  dieser  ihrer  Entstehung  entsprechend  ist  auch
die  ‘Kurze  Form’  bzw.  das  “Betbüchlein’  zunächst  keine  Schrift  für  Kinder,
sondern  fürs  Volk,  wenn  auch  Luther  in  der  "Deutschen  Messe’  (1526)  darauf
als  auf  ein  vorläufiges  Hilfsmittel  für  den  religiösen  Unterricht  der  Jugend
verweist.  Aber  auch  Melanchthons  Schulbuch  ‘Exchiridion  elementorum  puerilium’,
  1523  für  seine  schola  privata  geschrieben  (MGp  VI  277),  führt  uns
noch  nicht  wesentlich  über  die  vorreformatorische  Zeit  hinaus.  Die  religiösen
Stücke  darin  dienen  ebenso  wie  die  nach  Erasmus  gegebenen  Dicta  sapientum
  zunächst  der  grammatischen  Übung,  und  Abschnitte  aus  Evangelien  und
Episteln  begegnen  uns  in  gleicher  Anwendung  auch  schon  früher  bei  den  Humanisten.
  “Vorstandt  dess  handtbüchlins  Philippi  Melanchthonis’  fordert  für  die
‘*Sechser’  die  Zwickauer  Schulordnung  vom  Jahre  1523  (MS  254).  Dieses  sonst
so  bedeutsame  Schriftstück!)  gibt  noch  keineswegs  das  Bild  eines  planmäßigen
religiösen  Jugendunterrichts.  Die  Verwendung  einer  Morgenstunde  am  Sonntag
vor  dem  Gottesdienst  zur  Beschäftigung  mit  religiösen  Dingen  begegnete  uns
schon  früher.  Auch  die  Ordnung  der  Schule  zu  Eisleben  vom  Jahre  1525
bestimmt  den  dies  Dominicus  zur  biblischen  Lektüre  und  zur  Einprägung  von
Vaterunser,  Symbol,  Dekalog,  bekannteren  Psalmen  und  sonstigen  Schriftstellen
(MGp  XXI  3f.).

Welch  reger  Eifer  aber  um  die  Vertiefung  und  Ausgestaltung  dieses  Unterrichts
  unter  den  Freunden  der  Reformation  herrschte,  seitdem  ihn  Luther  schon
1520  in  der  Schrift  ‘An  den  christlichen  Adel  deutscher  Nation’  als  ‘die  furnehmst
  und  gemeynist  lection’  ‘in  den  hohen  und  niedern  schulen’  bezeichnet
und  gefordert  hatte,  das  lehrt  die  Fülle  der  zum  großen  Teil  aus  der  Schulpraxis
  hervorgewachsenen  Katechismusversuche  vor  dem  Erscheinen  von  Luthers
Enchiridion,  von  denen  wir  hier  nur  einige  besonders  bedeutsame  berühren
können.

Wohl  noch  ehe  Luther  in  der  Deutschen  Messe”)  zu  solchen  Versuchen  anregte,
ist  aus  dem  Bedürfnis  privaten  Unterrichts  die  "COhristiana  studiosae  iuvenlutis  institulio’
  Christoph  Hegendorfers  in  Leipzig  entstanden  (MGp  XXI  363ff.).  Die  Erklärung
  des  Symbols  und  des  Vaterunsers  leitet  Hegendorfer  mit  einer  Erinnerung
ans  Taufgelübde  ein.  Eine  kurze  christliche  Sittenzucht  (Quibus  studiis  iuvenes  occupari
  debeant)  und  17  neutestamentliche  Stellen,  das  erste  evangelische  Spruchbuch,
bilden  den  Beschluß.)  Ein  Teil  dieser  Institutio,  ‘die  zehen  gepot,  der  glaub  und
das  Vater  unser”.  ist  auch  deutsch  auf  uns  gekommen.  Für  ältere  Schüler  waren
die  1529  herausgegebenen  ‘Paraeneses’  desselben  Verfassers  bestimmt,  die  —  echt

ı)  Vgl.  Neue  Jahrb.  f.  Phil.  u.  Püd.  120  8.  476  ff.

7)  In  der  er  übrigens  auch  Anleitung  zur  Fragestellung  gibt.  Von  katechetischer  Entwicklung
  ist  hier  freilich  noch  keine  Spur.

®,  Die  Auswahl  der  Sprüche  ist  folgende:  Röm.  4,  25;  6,  3f.;  Joh.  8,  18;  14,  6.  18;  15,
14;  16,  23;  1  Kor.  1,  30;  7,  2;  Gal.  2,  16;  6,  2;  Jac.  2,  26;  Röm.  12,  12b—165;  13,  1;  Matth.
22,  21;  ı  Petr.  2,  21  u.  24;  1  Kor.  15,  54bf.  u.  67.