Katechismen  der  Reformationszeit.  79

humanistisch  —  bei  der  Erklärung  des  Dekalogs  neben  den  Zeugnissen  aus  der
Schrift  auch  solche  aus  den  alten  Klassikern  beibringen  (Text  MG  p  XXI  388  ff.).

Aus  Schuldiktaten  entstand  1527  die  erste  evangelische  Biblische  Geschichte,
die  “Catalogi”  des  Otto  Brunfels  in  Straßburg,  in  der  deutschen  Bearbeitung  “Heldenbächlein’
  genannt.!)  Auch  im  3.  Bande  seiner  1529  erschienenen  “Catechesis’  empfahl
  er  'historias  quasdam  Veteris  Testamenti,  quue  crıbro  debent  pueris  recilari,  ex
quibus  agnoscant  magnalia  Dei  et  ab  infantia  discant  timere  Deum’.  Auffällig  ist,
wie  stark  bei  Brunfels  das  Alte  Testament  hervortritt.  Die  “Catalogi’  zeigen  in
ihrer  im  Vorwort  ausgesprochenen  Tendenz,  den  “historiis  ethnicorum  et  fabulis  poetarum’
  Exempel  biblischer  Personen  an  die  Seite  zu  setzen,  eine  gewisse  Verwandtschaft
  mit  jener  oben  erwähnten  Ecloga  Theoduli.  Sie  handeln  zuerst  ‘von  den
herrlichen  Gottserwölten  Männern  des  Alten  Testaments’,  dann  des  Neuen  Testaments,
  im  2.  Buch  ‘von  den  Gottsverworfenen  Männern  beyder  Testament’,  im  3.
und  4.  von  den  guten  und  bösen  Weibern  beider  Testamente,  im  5.  ‘von  Streiten
und  Sygen  der  Frummen  wider  die  Gottloßen’;  das  6.  Buch  enthält  “ettliche  schöne
Gebett  und  Ermanungen  der  alten  Vätter’  usw.;  das  7.  endlich  erzählt  ‘von  der
Tyranney  und  Kryegen  der  Gottloßen  wider  die  Gottserwölten”.  Diese  knappen  Geschichtsauszüge
  sind  freilich  noch  weit  entfernt  von  einer  reizvollen  Erzählung,  wie
sie  schon  Augustin  in  seiner  Anweisung  “de  catechieandis  rudibus’  gefordert  hatte.

Neben  den  zehn  Geboten,  dem  Glauben  und  dem  Vaterunser  erscheinen  Taufe
und  Abendmahl  zuerst  als  Katechismusstücke  im  ersten  Teil  des  “Büchleins  für  die
Laien  und  die  Kinder’  vom  Jahre  1525.  Der  unbekannte  Verfasser?)  des  wohl  zunächst
  niederdeutsch  geschriebenen  Büchleins  wird  nicht  ohne  persönliche  Fühlung
mit  Luther  gearbeitet  haben,  obwohl  dieser  in  der  ungefähr  gleichzeitig  entstandenen
“Deutschen  Messe’  für  Kinder  es  bei  den  alten  drei  Hauptstücken  lassen  möchte,
denn  darin  stehe  “schlecht  und  kurz  fast  alles,  was  eim  christen  zu  wissen  not  ist’.
Die  Fassung  der  Texte  erinnert  ganz  auffällig  an  Luthers  späteres  Enchiridion;
merkwürdigerweise  fehlt  der  Taufbefehl.  Von  den  zahlreichen  weiteren  Ausgaben  sei
hier  nur  noch  die  Zwickauer  Bearbeitung  von  1528  besonders  erwähnt;  außer  einigen
anderen  Erweiterungen  —  darunter  der  Taufbefebi  und  das  Ave  Maria  —  begegnen
uns  hier  neben  ‘Magnificat’,  “Nunc  dimittis’  und  “Benedictus’  “etliche  deudsche  gemeyne
  geistliche  Lieder’.?)

Selbst  einen  Katechismus  auszuarbeiten,  dazu  entschloß  sich  Luther  nicht  ohne
das  Verdienst  des  eifrig  mahnenden  Nikolaus  Hausmann  in  Zwickau?)  erst  dann,  als
eine  von  Jonas  und  Agricola  übernommene  Arbeit  aus  unbekannten  Gründen  nicht
zustande  kam.  Das  war  Ende  1525;  aber  erst  im  Januar  und  März  1529  erschienen
nacheinander  die  beiden  Tafeln  des  Kleinen  Katechismus,  die  während  der  Arbeit  am
Großen  entstanden.  Zusammengefaßt  erscheinen  diese  Tafeln  zuerst  in  einer  im  April
zu  Hamburg  herausgegebenen  niederdeutschen  Übertragung,  der  aber  dann  im  gleichen

ı)  Vgl.  über  ihn  außer  MGp  XXI  187ff.  auch  Ernst  und  Adam,  Katechetische  Geschichte
  des  Elsasses  usw.  Straßb.  1897  S.  86ff,  112f.,  sowie  meine  schon  erwähnte  Arbeit.
»,  Ferdinand  Cohrs  MGp  XX  176ff.  bringt  einige  Gründe  für  Bugenhagen  bei.

s,  Jesaia  dem  Propheten  das  geschach,  Nu  bitten  wir,  Mitten  wir  ym  leben  sind,  Ach
Gott  vom  hymel  sihe  darein,  Aus  tieffer  not  schrey  ich  zu  dir,  —  also  sämtlich  von  Luther.
—  Für  die  ‘Geschichte  der  Behandlung  des  Kirchenliedes’  verweise  ich  auf  E.8perber  in
Kehrs  Geschichte  der  Methodik  des  deutschen  Volksschulunterrichte  VI  A?,  Thienemann-Gotha
  1890.

%  Vgl.  über  ihn  0.G.  Schmidt,  N.  H.,  der  Freund  Luthers,  Leipzig  1860,