80  Vorrwer:  Evangelische  Religionslehre.

Jahre  noch  mehrere  Buchausgaben  Luthers  selbst  folgen.  Was  Luther  hier  in  seinen
Erklärungen  gibt,  ist  aus  Katechismuspredigten  herausgewachsen;  Anklänge  an  alte
patristische  Auslegungen  lassen  sich  besonders  im  Vaterunser  nachweisen.!)

Von  Luthers  Geist  erfüllt  ist  auch  jene  Schrift,  die  Andreas  Althamer  in  Ansbach
  unter  Mitwirkung  seines  geistlichen  Kollegen  Johannes  Rürer  1528  verfaßte,
und  die  nach  Cohrs  (MGp  XXII  4)  zum  erstenmal  die  Bezeichnung  ‘Katechismus’
im  Titel  zeigt,  außerdem  als  der  erste  Landeskatechismus  angesehen  werden  kann,
da  sie,  infolge  der  durch  Markgraf  Georg  verordneten  Kirchenvisitation  entstanden.
dem  ganzen  Lande  einen  Kanon  für  den  religiösen  Unterricht  bieten  sollte.

Auch  auf  reformiertem  Gebiet  zeigt  früh  eine  rege  literarische  Produktion  den
Eifer  um  die  religiöse  Jugendunterweisung;  ich  beschränke  den  Nachweis  auf  deutschen
Boden.  Hier  tritt  zunächst  Straßburg  hervor.  Der  Catalogi  des  Otto  Brunfels  wurde
schon  in  anderem  Zusammenhang  gedacht.  Abgesehen  von  einem  Nachdruck  und
einer  Bearbeitung  der  “Kinderfragen’,  dem  “Büchlein  für  die  Laien’,  sowie  Melanchthons
  Enchiridion  begegnet  uns  hier  eine  nicht  genau  datierbare,  zunächst  für  die
Beichtvorbereitung  bestimmte  Katechismustafel;  sie  bietet  den  Text,  eine  Erklärung
und  “ein  schöne  Ordnung’  der  zehn  Gebote  und  ist  sicherlich  auch  zum  häuslichen
Unterricht  der  Kinder  benutzt  worden  (MGp  XX  119f.).  Für  diesen  Zweck  schrieb
1524  Eustasius  Kannel  in  Straßburg  sein  "Evangelisch  Gesetz’,  eine  Synopsis  der
Bergpredigt,  die  er  nach  der  Vorrede  zu  einem  ‘leben  unsers  seligmachers  Jesu
Christi,  uß  den  vier  Evangelisten  zusammenzogen’  zu  erweitern  gedachte  (MGp  XX
90F.).  Wolfgang  Capito  gab  dann  1527  in  seiner  ‘De  pueris  instituendis  ecclesiae
Argentinensis  Isagoge’,  auch  deutsch  erschienen  unter  dem  Titel  “Kinderbericht  und
Fragstuck’  usw.,  eine  Auslegung  der  drei  Artikel,  bei  der  auch  die  Sakramente  behandelt
  werden,  und  eine  Anweisung  zu  einem  christlichen  Leben  für  Kinder,  wo
gelegentlich  auch  der  Dekalog  erwähnt  und  das  Vaterunser  ausführlicher  behandelt
wird  (MGp  XXI  100#.).?)

Das  bekannteste  und  wichtigste  Erzeugnis  der  Katechismusliteratur  auf  reformiertem
  Boden  ist  die  Catechesis  Palatina,  die  auf  Veranlassung  des  Kurfürsten
Friedrich  IH.  von  Zacharias  Ursinus  und  Kaspar  Olevianus  1562  in  Heidelberg  geschrieben
  wurde.  Milde  in  der  Behandlung  der  Lehrdifferenzen,  erörtert  die  Schrift
in  129  Fragen  und  Antworten  des  Menschen  Elend,  Erlösung  und  Dankbarkeit,  folgt
also  der  Disposition  des  Römerbriefs.  Symbol  und  Sakramente  finden  ihre  Stelle  im
zweiten  Teil,  Dekalog  und  Vaterunser  im  dritten.  Für  Schulzwecke  machte  man
Auszüge  aus  dem  Original.  Über  eine  Schulausgabe  vom  Jahre  1609  berichtet
Ferdinand  Cohrs  (Mittin.  1899  8.  189ff.).  Biblische  Geschichten  werden  hier  reichlich
  herangezogen;  in  einer  Gebrauchsanweisung  ist  gegen  das  verständnislose  Auswendiglernen
  geeifert,  auch  werden  Winke  über  die  Fragestellung  gegeben.  Manch
guter  Keim  zu  einer  fruchtbaren  Methodik  mag  in  den  folgenden  Kriegsstürmen
untergegangen  sein.

1)  Vgl.  C.  A.  G.  von  Zezschwitz,  System  der  christlich  kirchlichen  Katechetik
(Hinrichs-Leipzig  I  1868,  II  1  1872  [2.  Aufl.],  II  2a  1874  [2.  Aufl.],  II  2b  1872)  II  1  8.  338.
—  Das  Werk  ist  im  folgenden  kurz  mit  Z  zitiert.

2)  Beschtenswert  ist  die  Antwort  auf  Frage  185  nach  der  Lektüre  des  Knaben:  ‘Daz
neüwe  testament,  und  Titum  Livium  verteütscht,  aber  dz  testament  ist  dz  fürnemst.’  —
Über  die  Geschichte  der  Straßburger  Katechismen  handeln  eingehend  Ernst  und  Adsm,
Katechetische  Geschichte  des  Elsasses  bis  zur  Revolution,  Bull-Straßburg  1897.