82  Vorıuer:  Evangelische  Religionslehre.

Lektionen  hinzu,  ‘das  die  Studiosi  darinn,  nach  dem  vermögen  ires  verstands,
beid  in  Grammatica  et  Theologia  bericht  werden’  (a.  a.  O.  S.  112£.).

Den  Schwankungen  in  den  verschiedenen  Schulordnungen  im  einzelnen
nachzugehen  ist  hier  unmöglich.  Eine  solche  vergleichende  Darstellung  würde
ein  sehr  buntes  Bild  ergeben.  In  manchen  Schulen  tritt  auch  zunächst  der
Religionsunterricht  noch  sehr  zurück  und  geht  kaum  über  die  Praxis  einzelner
humanistischer  Anstalten  schon  in  vorreformatorischer  Zeit  hinaus.  Auch  der
Stoff  ist  durch  den  “Unterricht  der  Visitatoren’  keineswegs  allgemein  und  endgültig
festgelegt;  so  setzt  z.  B.  die  Brieger  Schulordnung  von  1581  für  Klasse  I  ausdrücklich
  den  Römerbrief  an  (Vbm  I  316).

Wir  müssen  uns  hier  darauf  beschränken,  noch  einzelne  wichtige  Erscheinungen
  des  16.  Jahrhunderts  zu  erwähnen,  die  über  den  üblichen  Katechismusunterricht
  hinausgehen.

Eine  gewisse  Bedeutung  hat  die  besondere  Pflege  der  Bibelsprüche  durch
Valentin  Trozendorf,  den  bekannten  Rektor  zu  Goldberg  (}  1556).  Trozendorfs
  Spruchbuch,  das  ‘Rosarium  contexlum  ex  rosis  decerplis  ex  paradiso  domin:
enthielt  in  einigen  Ausgaben  die  Sprüche  in  deutscher,  lateinischer,  griechischer
und  hebräischer  Sprache,  dazu  Erklärungen,  nach  Diktaten  Trozendorfs  gesammelt;
  doch  sind  gerade  diese  Erklärungen  z.  T.  jedenfalls  ziemlich  wertlos
gewesen.!)  Michael  Neander  in  Ilfeld  (F  1595)  erwähnt  in  seinem  “Bedenken,
wie  ein  Knabe  zu  leiten  und  zu  unterweisen’,  seine  ‘Historiola  eccesiae,  sive
populi  dei’  usw.  (Vbm  I  760).  Die  Schrift  gibt  in  freier,  auch  profane  Quellen
wie  Josephus  benutzender  Weise  eine  Art  Geschichte  des  Volkes  Israel,  während
Neander  in  seinem  “Chronicon  sive  synopsis  historiarum  ...  (ad  hunc  usque  nostran
aetatem)’  in  der  Weise  der  mittelalterlichen  Chroniken  die  biblischen  Historien
in  eine  Weltgeschichte  verwebt.  Sein  ethischer  Unterricht  aber  auf  der  Oberstufe,
  der  über  die  Ansichten  der  alten  Philosophen  informiert,  wird  schwerlich
weit  über  die  früheren  Sentenzensammlungen  hinausgegangen  sein.

Die  Art  der  Catalogi  des  Otto  Brunfels,  die  an  die  alten  Zeugenreihen
erinnern,  wie  sie  neben  Ebr.  11  z.  B.  in  den  Bestimmungen  der  Üonstitutiones
apostolicae  über  den  Katechumenenunterricht  begegnen,  fand  ihre  Fortsetzung
in  den  9  Büchern  'Yirorum  illustrium  seu  historiae  sacrae’  des  Georg  Fabricius
(Chemnicensis),  wie  die  Catalogi  aus  Schuldiktaten  erwachsen  und  wie  jene  von
einer  gewissen  frommen  Eifersucht  auf  das  allgemeine  Interesse  an  den  Helden
des  griechisch-römischen  Altertums  getragen.  Benutzt  wurde  diese  Arbeit  z.  B.
noch  um  1702  in  den  Franckeschen  Stiftungen.  —  Nachweislich  einer  sehr
weitgehenden  Verbreitung  in  Deutschland  erfreuten  sich  im  16.—18.  Jahrhundert
des  bekannten  Genfer  Rektors  Sebastian  Castellio  (F  1563  zu  Basel)  ‘Dialoyorum
  sacrorum  libri  quaiuor’.  Wir  haben  es  hier  mit  einer  frei  ausgestaltenden
Wiedergabe  biblischer  Geschichten  zu  tun,  nicht  in  der  Art  legendenhafter
Aufputzung  wie  in  der  Scholastica  historia  und  den  Historienbibeln,  auch  nicht

)  Vgl.  die  Probe  bei  K.  J.  Löschke,  Die  religiöse  Bildung  der  Jugend  usw.  im
16.  Jahrhundert,  Breslau  1846,  3.  92  ff.