Pietismus  und  Aufklärung.  85

zählungen  einprägen  solle  So  hat  er  stofflich  wie  methodologisch  dem  bekannten
  Johann  Hübner  (}  1731  in  Hamburg)  vorgearbeitet,  dessen  "Zweymal
zwey  und  funffzig  auserlesene  Biblische  Historien’  (zuerst  1714)  lange  das’  verbreitetste
  Lehrbuch  für  diesen  Unterrichtsgegenstand  geblieben  sind  und  das
Fegefeuer  der  Aufklärung  überdauerten.

Hübners  Erfolge  gehen  ohne  Frage  zum  Teil  auf  Speners  Anregungen
zurück.  Erstreckten  sich  diese  auch  zunächst  auf  das  Gebiet  der  kirchlichen
Katechese  —  ich  erinnere  hier  nur  an  die  Erneuerung  und  Verbreitung  der  Konfirmation
  durch  Spener  —  so  gingen  sie  doch  auch  auf  die  Schulen  über:  in  den
Franckeschen  Stiftungen  spielt  alsbald  das  Bibellesen  eine  hervorragende  Rolle.!)
Freilich  treten  mancherorten  sogleich  auch  recht  bedenkliche  Seiten  des  Pietismus
  in  den  Schulen  hervor,  so  in  dem  Verlangen  der  Waldeckschen  Schulordnung
  von  1704,  der  Katechet  solle  seine  Schüler  zu  “kurtzen  Stoß-Gebätern
und  Seufftzerlein  reitzen’  (Vbm  III  144).

Aber  auch  abgesehen  von  derartigen  Verirrungen  besteht  zu  Recht,  was
die  “aufgeklärten’  Neuerer,  die  man  sehr  irreführend  Sokratiker  nennt,  der  Zeit
vor  ihnen  zum  Vorwurf  machten.  So  schreibt  Basedow  1764  in  seiner  “Abhandlung
  von  dem  Unterrichte  der  Kinder  in  der  Religion’?):  ‘Sobald  sie  (die
Kinder)  halb  lesen  können,  geht  die  erbärmliche  Zeit  des  Memorierens  an.
Gebete,  biblische  Historien,  Psalmen,  Evangelien,  Sprüche  und  Gesänge,  alles
wird  zu  lauter  Lektionen,  die  das  Kind,  ohne  den  Wortverstand  zu  haben,
memorieren,  oder  hungern  und  Schläge  leiden  muß.’  Und  keineswegs  günstiger
urteilt  z.  B.  eine  so  sympathische  Persönlichkeit  wie  Christian  Gotthilf  Salzmann.
  Diesen  Übelständen  gegenüber  will  die  Sokratik,  wie  sie  von  1764  an
aufkommt  —  Johann  Lorenz  von  Mosheims  (}  1755)  sehr  überschätzte  Anregungen
  hatten  an  den  bestehenden  Zuständen  nichts  geändert  —,  eine  neue
Ordnung  des  religiösen  Lehrstoffs:  erst  Naheliegendes,  Sinnliches,  dann  Geistiges,
Abstraktes,  erst  natürliche,  dann  geoffenbarte  Religion,  und  eine  neue  Art  der
Behandlung  dieses  Stoffes:  Selbstfindenlassen  der  religiösen  Wahrheiten  im  katechetischen
  Gespräch.  Die  Verirrungen  dieser  Methode  sollen  gewiß  nicht  beschönigt
  werden;  übrigens  schlossen  die  strengen  Sokratiker  die  sogenannten
Offenbarungswahrheiten  der  christlichen  Religion  von  der  sokratischen  Behandlung
  aus,  ohne  daß  diese  Stoffe  deshalb  aus  dem  Religionsunterricht  überhaupt
fortfielen.  Die  speziell  christlichen  Lehrstücke  treten  im  allgemeinen  hinter
den  Lehren  der  Moral  und  der  sogenannten  natürlichen  Religion  zurück.  Bezüglich
  der  biblischen  Erzählungen  aber  ist  die  ablehnende  Haltung  Salzmanns
aus  den  Kreisen  der  Sokratiker  selbst  bekämpft  worden.  Wir  mögen  an  der

1)  Über  die  katechetische  Literatur  dieser  Zeit  vgl.  Schumann-Sperber,  Gesch.  d.  Methodik
  des  Religionsunterrichts  in  der  evangelischen  Volksschule,  Gotha  1890,  8.  49  ff.

»),  Sie  ist  vorausgeschickt  seiner  Schrift  “Methodischer  Unterricht  der  Jugend  in  der
Religion  und  Sittenlehre  der  Vernunft  nach  dem  in  der  Philalethie  angegebenen  Plane’.  —
Über  die  Sokratik  vgl.  das  gründliche,  nur  etwas  breite  Buch  von  Martin  Schian:  ‘Die  Sokratik
  im  Zeitalter  der  Aufklärung:  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  des  Religionsunterrichte’.
Breslau  1900.