86  VorLser:  Evangelische  Religionslehre.

Art  der  Erzählung  eines  Gustav  Friedrich  Dinter  allerlei  auszusetzen  haben;
aber  sein  wichtigster  Grundsatz  für  die  Darbietung  ist  heute  noch  sehr  beherzigenswert:
  Ein  Mann,  der  nicht  erzählen  kann,  sollte  nicht  Schulmeister
werden  dürfen.  Das  Hauptverdienst  der  Sokratik  liegt  in  ihrem  energischen
Dringen  auf  Bildung  eigener  Überzeugung  und  sittlicher  Stärke  durch  Entfaltung
  der  im  Menschen  liegenden  Kräfte.  Eine  Frucht  ihrer  nur  in  der  Übertreibung
  widernatürlichen  Methode  —  und  nur  gegen  solche  Übertreibung  besteht
  Pestalozzis  Polemik  zu  Recht  —  ist  unstreitig  unsere  heutige  entwickelnde
Katechisation  im  Gegensatz  zu  der  bloß  examinierenden  oder  zergliedernden.
Das  seit  etwa  1800  erstarkende  positiv-christliche  Bewußtsein  hat  den  Inhalt
des  Unterrichts  wieder  zugunsten  der  geoffenbarten  Religion  verschoben,  formell
ist  für  die  Folgezeit  ein  reiches  Erbe  aus  den  Tagen  der  Aufklärung  nicht
abzuleugnen.

Mit  dem  Pietismus  aber  teilt  sich  die  Sokratik  in  das  Verdienst,  die  Streittheologie
  aus  der  Schule  gewiesen  zu  haben.  Die  sächsische  Schulordnung  von
1773  legt  zwar  dem  “Unterricht  im  Christentume’  noch  das  Compendium  Hutteri
zugrunde,  ‘so  lange,  bis  ein  anderes  Lehrbuch  dazu  vorgeschrieben  werden  wird’;
doch  sie  bestimmt  ausdrücklich,  sich  nicht  “mit  dem,  was  darinne  aus  der  theologia
  scholastica  und  polemica  zu  befinden,  allzulange  aufzuhalten  und  darüber
die  Anwendung  der  Glaubenslehren  auf  die  Gottseligkeit  zu  verabsäumen’  (Vbm
III  621).  In  der  Praxis  sah’s  freilich  nach  dem  Bericht  eines  früheren  Schülers  des
Wittenberger  Gymnasiums  (Mittln.  VIII46ff.)  auch  ein  Dezennium  später  noch  anders
aus.  —  Aber  die  neue  Zeit  brachte  auch  neue  Bücher.  Aus  den  Franckeschen
Stiftungen  zu  Halle  ging  das  “Lehrbuch  für  die  oberen  Religionsclassen  in  Gelehrtenschulen’
  von  August  Hermann  Niemeyer  hervor,  das  ich  nicht  nur  um
seiner  großen  Verbreitung  willen  aus  anderen  heraushebe  —  es  erschien  zuerst
1801,  in  18.  Auflage  1843  —,  sondern  auch,  weil  ihm  m.  E.  in  der  Beurteilung
von  Ludwig  Wiese!)  unrecht  geschehen  ist.  Das  Buch  macht  zunächst  schon
durch  seine  Geschlossenheit  und  Selbstbeschränkung  einen  vorteilhaften  Eindruck
  gegenüber  der  Zerfahrenheit  und  vielfach  auch  Verstiegenheit  des  damaligen
  Religionsunterrichts  auf  der  Oberstufe  der  höheren  Schulen.  Man  vergleiche
  hierzu  das  Aufsatzthema,  das  nach  Wiese  in  den  90er  Jahren  des
18.  Jahrhunderts  der  Rektor  Meierotto  den  Primanern  des  Joachimsthalschen
Gymnasiums  zu  behandeln  gab:  “Was  bleibt  dem  folgenden  Jahrhundert  in  der
Gelehrsamkeit,  besonders  im  theologischen  Fach,  zu  leisten  übrig?’  Niemeyer
gibt  auf  62  Seiten?)  eine  “Allgemeine  Einleitung  in  die  biblischen  Schriften’,
Ss.  65—133  folgt  nach  einem  kurzen  Abschnitt  über  die  nichtchristlichen
Religionen  die  ‘christliche  Religionsgeschichte’,  sodann  S.  137—-193  “Religionslehre
  nach  den  Grundsätzen  der  Vernunft  und  des  Christenthums’,  S.  201—254
‘“Sittenlehre  nach  den  Grundsätzen  der  Vernunft  und  des  Christenthums’  mit

Der  evangelische  Religionsunterricht  im  Lehrplan  höherer  Schulen.  Ein  pädagogisches
  Bedenken.  2.  Aufl.  Berlin  1891,  S.  20f.
")  Mir  liegt  die  6.  Auflage  von  1811  vor.