Entwicklung  in  einzelnen  Ländern.  87

einem  sehr  heilssmen  Anhang  “Über  die  Vortheile,  Gefahren  und  Pflichten  des
akademischen  Lebens’.  Gewiß  ist  uns  in  den  Ausführungen  des  Verfassers
manches  befremdlich;  aber  von  einer  Entheiligung  der  Bibel  sowie  der  Person
und  des  Werkes  Christi  darf  bei  Niemeyer  nicht  die  Rede  sein.  Er  schließt
sich  aus  von  den  Bekennern  der  bloßen  Vernunftreligion,  ja  er  leugnet  nicht
einmal  schlechtweg  das  Wunder.  Von  der  Bibel  sagt  er  allerdings:  ‘Der
nächste  Zweck  dieser  Schriften  ging  auf  das  Zeitalter,  worin  sie  entstanden.
Vieles  darin  hat  seine  Bestimmung  erfüllt  und  gehört  nicht  zu  der  Summe  der
für  jedermann  notwendigen  Religionskenntnisse,  ob  es  wohl  in  anderer  Hinsicht
großen  Wert  haben  kann.’  Aber  wer  wollte  das  heute  bestreiten  oder  in  solcher
Beurteilung  eine  Entheiligung  sehen?!  Den  in  einem  besonderen  Bande  herausgegebenen
  ‘Erläuternden  Anmerkungen  und  Zusätzen’  zu  seinem  Lehrbuch
(3.  Ausg.  1811)  schickt  Niemeyer  eine  ‘Abhandlung  über  die  Methodik  des
Unterrichts’  vorauf,  die  den  unvoreingenommenen  Leser  stellenweise  anmutet
wie  auf  die  Zustände  und  Bedürfnisse  unserer  Zeit  zugeschnitten.  Durch  wissenschaftliche,
  offene  Behandlung  der  religiösen  Fragen  und  Schwierigkeiten  hofit
er  die  Jünglinge  davor  zu  bewahren,  künftig  von  jedem  aufsteigenden  Zweifel
beunruhigt  und  durch  jeden  Einwurf  irre  gemacht  zu  werden.  Gegenüber  der
üblichen  ermüdenden  Wiederholung  des  Allbekannten  fordert  er  für  die  Oberstufe
  der  Gelehrtenschulen  den  Fortschritt  zu  dem  ‘Inbegriff  der  Wahrheiten,
welche,  wenn  sie  gleich  nicht  zur  Religionslehre  selbst  gehören,  doch  dazu  erforderlich
  sind,  das  Religionswesen  richtig  zu  beurteilen  und  das  Studium  der
Theologie  von  außen  her  im  rechten  Lichte  zu  betrachten,  überhaupt  alle  die
Kenntnisse,  welche  jede  theologische  Fakultät  dem  geistlichen  Minister  und  den
Gelehrten  anderer  Fakultäten,  jeder  geistliche  Rat  seinen  rechtsverständigen
Kollegen,  jeder  Prediger  und  jeder  Schulmann  seinen  nichttheologischen  Oberen
und  Patronen,  soweit  sie  auf  Kirchen  und  Schulen  Einfluß  haben,  welche  endlich
  jeder  mit  der  Religion  es  gut  meinende  Leser  allen  gelehrten  und  unterhaltenden
  Schriftstellern  wünschen  muß’.!)  Mit  diesen  Büchern  vergleiche  man
andere  Produkte  der  Aufklärung  auf  unserem  Gebiet,  etwa  Cannabichs  “Vollständigen
  christlichen  Religionsunterricht  für  die  fähigere  und  im  Denken  geübtere
  Jugend’  (2.  Aufl.  Erfurt  1803)  mit  seiner  nüchternen  Moralweisheit,
dann  wird  man  Niemeyer  gerechter  beurteilen,  als  es  Wiese  tat.

ZUR  ENTWICKLUNG  IN  EINZELNEN  LÄNDERN  UND
STATISTISCHES.

Das  Jahr  1810  bedeutet  für  Preußen  einen  wichtigen  Wendepunkt,
wie  in  der  Geschichte  des  höheren  Schulwesens  überhaupt,  so  auch  in  der
Geschichte  des  Religionsunterrichts:  durch  die  Einrichtung  des  Examen  pro

1)  Diese  Worte  eignet  sich  Niemeyer  aus  Rötgers  Privatgedanken  über  Lehrbücher  für
die  ersten  theologischen  Klassen  (im  2.  Bande  des  Jahrbuchs  des  Pädagogiums  zu  U.  1.  Frauen
in  Magdeburg,  Helmstädt  1799)  an.