098  Vorrner:  Evangelische  Religionslehre.

berührenden  Zeitfragen.  Solange  die  Lehrpläne  auch  andere  Stoffe  vom  Schulunterricht
  verlangen,  wird  der  Religionslehrer  von  der  Mittelstufe  an  auf  alle
Fälle  guttun,  auch  ihnen  gegenüber  den  Standpunkt  des  Historikers  nicht  zu
verlassen,  das  heißt  ja  doch  nicht,  trocken  oder  gleichgültig  davon  reden.  Es
wäre  traurig,  wenn  jeder  zunächst  an  den  Intellekt  sich  wendende  Unterricht
aller  Gemüts-  oder  Willensanregung  bar  bliebe.

Man  wird  uns  nicht  wieder  dahin  mißverstehen,  als  wollten  wir  das  Detail
wissenschaftlich  -theologischer  Forschung  und  gar  die  genaue  Erörterung  der
Prinzipien  ihrer  Kritik  vor  Kinder  bringen.  Aber  ein  Religionsunterricht,  der
es  zum  Beispiel  versäumt,  ein  historisches  Verständnis  der  israelitischen  Religion
  und  ihrer  Literatur  anzubahnen,  setzt  sich  dem  berechtigten  Vorwurf  aus
—  wer  weiß,  wie  bald  auch  von  seiten  der  Schüler  selbst  —,  nicht  nur  ein
falsches  Geschichtsbild  überliefert  oder  geduldet,  sondern  auch  der  für  große
Persönlichkeiten  so  begeisterungsfähigen  Jugend  die  gewaltigen  Gestalten  der
alttestamentlichen  Propheten  nicht  im  rechten  Lichte  gezeigt  zu  haben.  Eine
historische  Behandlung  des  Alten  Testaments  ist  gegenwärtig  um  so  mehr  schon
auf  der  Mittelstufe  erforderlich,  als  der  Lehrplan  auf  der  Oberstufe  keine  Gelegenheit
  dazu  biete.  Aber  auch  für  die  unteren  Klassen  darf  das  später  erst  zu
skizzierende  Geschichtsbild  nicht  ganz  ohne  Einfluß  bleiben.  Der  Unterrichtsplan
muß  einheitlich  sein;  der  Lehrer  muß  schon  die  Darbietung  der  biblischen  Geschichten
  so  gestalten,  daß  er  oder  sein  Nachfolger  nicht  auf  einer  höheren
Stufe  widerrufen  oder  doch  richtig  stellen  muß,  was  auf  einer  tieferen  gelehrt
wurde.  Manche  alttestamentliche  Persönlichkeit  wie  Saul  oder  Ahab  kann  schon
auf  der  Unterstufe  mit  Vorsicht  aus  der  einseitigen  jüdischen  Beurteilung
herausgehoben  werden.  Die  sogenannte  Wüstenwanderung  der  israelitischen
Stämme,  die  Einnahme  Kanaans  und  die  Richterzeit  darf  auch  dem  Kind  nicht
nur  als  eine  Kette  von  lauter  Wundern  erscheinen.  Bei  Parallelerzählungen
ist  stillschweigend  nach  wissenschaftlichen  Gesichtspunkten  zu  verfahren.  Über
Art  und  Zeit  der  Entstehung  des  (Gesetzes  braucht  nichts  verschleiert  zu
werden.  Möglichst  früh  schon  sind  die  Propheten  im  Zusammenhang  mit  ihrer
Zeit  und  deren  großen  Ereignissen  hinzustellen;  nur  so  wird  dann  später  das
Verständnis  ihrer  grundlegenden  Bedeutung  für  Israels  Religion  möglich.  Wie
schwer  ist  oft  nachzuholen,  was  beim  ersten  Eindruck  versäumt  wurde!!)  Die

1)  Vgl.  zu  dieser  Frage  Oskar  Michael,  Aufgabe  und  Stellung  der  biblischen  Geschichte
  im  Religionsunterricht  an  höheren  Schulen,  Annaberg  1901,  8.  14f.,  besonders  aber
die  Ausführungen  von  Kautzsch  (Bibelwissenschaft  und  Religionsunterricht,  Strien-Halle  1900)
zu  seiner  vierten  These:  ‘Die  untere  Stufe...  .  kann  einer  direkten  Hereinziehung  der
Bibelkritik  so  gut  wie  völlig  entraten,  dagegen  nicht  einer  Verwertung  ihrer  Ergebnisse.
Letztere  erfolgt  in  betreff  des  Alten  Testaments,  abgesehen  von  den  Patriarchenerzählungen
1.  durch  die  Auswahl  derjenigen  geschichtlichen  Abschnitte,  die  auf  Grund  der  alten  Quellen
über  den  wirklichen  Geschichtsverlauf  berichten;  2.  durch  die  Ausscheidung  dessen,  was
erst  der  theologischen  Reflexion  und  Theorie  der  späteren  Quellen  angehört;  8.  durch  eine
solche  Beleuchtung  des  religiösen  Inhalts,  die  so  viel  als  möglich  sowohl  in  betreff  des
Gottesbegriffs,  wie  der  Ethik  und  der  universellen  Bestimmung  der  Religion  die  Ergänzungsbedürftigkeit

  und  den  lediglich  vorbereitenden  Charakter  der  alttestamentlichen  Offenbarungsstufe
  erkennen  lehrt.’