100  Vorruer:  Evangelische  Religionslehre.

liedes  vorenthalten  müsse,  weil  erst  der  Obersekundaner  für  fähig  erachtet  wird,
einer  wissenschaftlichen  Behandlung  des  Epos  zu  folgen!  —  Immer  wieder  wird
sodann  heute  die  Forderung  laut:  fort  mit  dem  Alten  Testament  aus  der  Schule;
es  ist  in  dem  heutigen  Christentum,  speziell  dem  germanischen,  ein  Fremdkörper,
  der  endlich  ausgestoßen  werden  muß!  Aber  wer  mit  uns  die  Aufgabe
der  höheren  Schule  zunächst  in  der  Anbahnung  eines  historischen  Verständnisses
  des  Christentums  sieht,  wird  dessen  Hauptwurzel  im  Unterricht  nicht
preisgeben  können.  Ich  mag  nicht  wiederholen,  was  vom  ästhetischen,  wissenschaftlichen
  und  pädagogischen  Standpunkte  aus  durch  Kautzsch  !),  Baumgarten?),
Gunkel?)  u.a.  so  eindrucksvoll  zur  Verteidigung  des  Alten  Testamentes  vorgebracht
worden  ist;  nur  an  Goethes  Erfahrung  sei  noch  erinnert,  der  als  Knabe  dem  Alten
Testament  ungleich  mehr  Interesse  abgewann  als  dem  ‘allzu  leichten  und  durch
Predigten  und  Religionsunterricht  sogar  trivial  gewordenen  Neuen  Testament’)

Ein  kurzes  Wort  noch  über  die  Person  des  Lehrers  und  über  die  Methode.
Es  hat  für  ein  praktisches  Handbuch  wenig  Sinn,  in  hohen  Worten  die  besonderen
  wissenschaftlichen,  moralischen  und  religiösen  Anforderungen  zu  betonen,
die  an  den  Religionslehrer  zu  stellen  seien.  Das  Ideal  ist  überall  ebenso
wünschenswert  wie  unerreichbar.  Aber  zweierlei  ist  allerdings  zu  verlangen.
Der  Unfug,  den  Religionsunterricht  der  unteren  und  mittleren  Klassen  Lehrern
zu  übertragen,  die  mit  oder  ohne  Fakultas  diese  Stunden  dauernd  mit  innerem
Widerstreben  erteilen  und  ihren  Widerwillen  bewußt  oder  unbewußt  den
Schülern  mitteilen  oder  ganz  andere  Dinge  treiben  als  Religion,  dieser  Unfug
muß  aufhören;  sollten  wirklich  einmal  beim  besten  Willen  die  geeigneten
Kräfte  nicht  aufzutreiben  sein,  dann  müßte  es  dem  Leiter  der  Schyle  freistehen,
  den  Religionsunterricht  in  der  einen  oder  anderen  Klasse  eine  Zeitlang
  ausfallen  zu  lassen.  Oft  freilich  beruht  jener  Widerwille  nur  auf  einem
Vorurteil,  das  bei  gewissenhafter  Pflichterfüllung  mehr  und  mehr  schwindet.
Es  hat  sich  schon  mancher,  der  sich’s  anfangs  nicht  träumen  ließ,  zu  freudiger
  und  erfreulicher  Tätigkeit  als  Religionslehrer  hindurchgearbeitet.  Darum
  ist  dies  die  zweite  Forderung:  wem  dieser  Unterricht  übertragen  wird,
darf  ihn  nicht  als  quantite  negligeable  behandeln;  er  tue  sein  möglichstes
in  sorgfältiger  Vorbereitung.  Ich  wüßte  mehr  als  einen  Philologen  zu  nennen,
den  die  zu  Zwecken  des  Religionsunterrichts  begonnene  wissenschaftliche
Beschäftigung  mit  den  Gegenständen  dieses  Unterrichts  so  fesselte,  daB  er
sie  auch  ohne  Nötigung,  aus  Interesse  an  der  Sache  weiterbetrieb.  Die
aber  nicht  Zeit  behalten,  sich  quellenmäßig  mit  diesen  Dingen  zu  befassen,
denen  bieten  sich  heutzutage  treffliche  Hilfsmittel  zu  schnellerer  Präparation
dar,  “also,  daß  sie  keine  Entschuldigung  haben’)  Gewiß  wäre  es  heilsam,

1)  Bibelwissenschaft  und  Religionsunterricht,  8.  20ff.  (gegen  Katzer  u.  a.).

?,  Neue  Bahnen,  Tübingen  1908,  8.  87  ff.

8)  Beiträge  zur  Weiterentwicklung  der  christlichen  Religion,  München  1905,  S.  52  ff.

“)  Vgl.  Schrempff,  Goethes  Lebensanschauung  usw.  I  1904,  8.  8öff.

6),  Unmöglich  kann  hier  die  für  den  Religionslehrer  in  Betracht  kommende  theologische
Fachliteratur  im  einzelnen  aufgeführt  werden;  Werke  wie  Wellhausens  Israelitische  und