Methode.  103

häufig  durch  die  offen  zur  Schau  getragene  Nichtachtung  des  Faches  von
seiten  der  Kollegen  beeinträchtigt;  nicht  jeder  ist  so  in  sich  selbst  gefestigt,  daß
ihn  diese  Geringschätzung  kalt  ließe.  Derartigen  Naturen  werden  einsichtige
Direktoren  beispringen  und  ihnen  irgendwie  den  Nacken  zu  steifen  verstehen.

Über  die  Methode  habe  ich  als  Nichtherbartianer  offen  gestanden  nicht
viel  zu  bemerken.  Eine  prinzipielle  Verwerfung  der  Formalstufen  beim  Unterricht
  in  den  unteren  Klassen  wäre  sicherlich  verkehrt;  mancher  verfährt  oft
unbewußt  danach  und  würde  höchst  erstaunt  sein,  wenn  man  ihm  seine  Lehrweise
  in  Analyse,  Synthese,  Assoziation,  System  und  Methode  zergliedern  wollte.
Aber  das  ist  es  eben:  was  richtig  ist  an  dieser  jetzt  etwas  gespreizt  daherfahrenden
  ‘wissenschaftlichen’  Pädagogik  der  Jünger  Herbarts,  das  gibt  an  der
rechten  Stelle  der  unentbehrliche  Takt  von  selbst  ein;  zum  zwingenden  Schema
geworden,  nehmen  die  Formalstufen  dem  Lehrer  notwendig  die  Unbefangenheit
  und  Unmittelbarkeit,  die  mehr  wert  ist  als  alles  andere,  —  Der  Religionsunterricht
  auf  den  unteren  Klassen  höherer  Schulen  liegt  sehr  oft,  ich  kann
sagen  meist,  in  ungeübten  Händen.  Das  braucht  kein  Schade  zu  sein,  wenn
der  Betreffende  nur  guten  Willen  und  eine  leidliche  Erzählergabe  mitbringt.
Denn  die  biblischen  Geschichten  müßten  in  Sexta  und  Quinta  nur  als  gesprochenes
  Wort  an  die  Schüler  herantreten.  Könnte  man  sich  doch  dazu  entschließen,
  für  diese  Klassen  auf  ein  Hilfsbuch  in  der  Hand  der  Kinder  ganz  zu
verzichten!  Für  die  Einprägung  bedürfte  es  dieser  Vorlage  bei  lebendiger  Erzählung
  gewiß  nicht.  Man  denke  nur  an  den  Geschichtsunterricht  der  Kleinen:
sie  geben  fast  wörtlich  wieder,  was  man  ihnen  anschaulich  berichtet  hat.  Diese
Erzählung  müßte  ohne  Gebundenheit  an  den  biblischen  Wortlaut  erfolgen  und
durch  freie  Ausgestaltung  dazu  besonders  geeigneter  Stoffe,  eventuell  z.  B.  auch
in  Gesprächsform  nach  der  Art  Castellios,  das  Interesse  steigern,  das  Verständnis
  erleichtern  und  den  kulturhistorischen  Horizont  erweitern.)  Voraussetzung
wäre  freilich,  daß  die  biblische  Geschichte  in  der  Vorschule  ähnlich  behandelt
würde,  besser  noch,  daß  sie  dort,  einige  wenige  Erzählungen  ausgenommen,
ganz  fortfiele;  denn  die  Gefahr,  daß  schon  die  Kleinen  der  gar  zu  oft  gelesenen
oder  gehörten  Geschichten  überdrüssig  werden,  ist  groß.

Sobald  die  Lektüre  beginnt,  sind  die  sprachlichen  Schwierigkeiten  möglichst
  zu  beseitigen.  Des  Befremdenden  ist  mehr,  als  man  gemeinhin  zugibt.
Im  Anschluß  an  Holtzmann  fordert  Baumgarten  in  seinen  “Neuen  Bahnen’
(8.  75),  die  abgekürzten  Ausdrucksweisen  des  biblischen  Stils  “Gott  sprach’,
‘Gott  tat’  den  Kindern  durch  Übertragung  eines  neueren  Ereignisses  in  die
biblische  Diktion  zu  erläutern.  Die  alten  Hebräer  würden  über  die  Schlacht

übrigen  in  Betracht  kommenden  theologischen  und  pädagogischen  Zeitschriften  seien  neben
MhS.  und  Mttln.  noch  die  “Theologische  Rundschau’  und  die  “Zeitschrift  für  Theologie  und
Kirche’  (beide  bei  Mohr-Tübingen)  besonders  genannt.

1)  Proben  dieser  Art  von  Erzählung  gab  ich  in  Baumgartens  Monatsschrift  1901,  8.  20  ff.
Daselbst  ist  auch  von  der  Erläuterung  durch  das  Bild  die  Rede.  Hier  seien  nur  die  bei
Wigand  in  Leipzig  erschienenen  30  Blätter  in  Photolithographie  nach  Zeichnungen  von
Schnorr  von  Carolsfeld  erwähnt.