104  Vorımer:  Evangelische  Religionslehre.

von  Sedan  etwa  so  berichten:  ‘Da  sprach  Gott  zu  Wilhelm:  hänge  dich  den
abziehenden  Feinden  an  die  Fersen....  und  Gott  verstockte  Napoleon  und  gab
ibn  in  die  Hände  des  Königs.’  Über  die  unserem  Denken  so  geläufigen  Mittelglieder,
  die  menschlichen  Überlegungen  und  Handlungen  hinweg  wandte  sich
die  fromme  Betrachtungsweise  Israels  direkt  der  letzten,  göttlichen  Ursache  zu.
Es  ist  klar:  Erklärungen  in  dieser  Richtung  helfen  auch  über  manche  sachliche
Schwierigkeit  hinweg,  z.  B.  über  die  anstößige  Geschichte,  wie  Samuel  zu  Gilgal
den  Agag  ‘vor  dem  Herrn’  in  Stücke  zerhaut.  Oskar  Jägers  Darlegungen  über
Religion  und  Religionslehre  in  seinem  klassischen  Buch  ‘Lehrkunst  und  Lehrhandwerk’
  bieten  so  viel  Anregendes  und  besonders  Ermutigendes,  daß  sie  nicht
warm  genug  empfohlen  werden  können;  aber  von  seiner  Behandlung  jener  Geschichte
  (S.  76ff.)  kann  ich  mir  nicht  viel  versprechen,  weil  sie  die  eigentliche
Schwierigkeit  bestehen  läßt.

LEHRGANG  UND  SCHULBÜCHER.

VI  und  V.  ‘Im  Mittelpunkte  des  gesamten  Religionsunterrichts  steht  die
Heilige  Schrift’,  heißt  es  in  den  “methodischen  Bemerkungen  der  preußischen
Lehrpläne’!),  und  dementsprechend  für  die  untere  Stufe:  “Die  Grundlage  des
ganzen  Unterrichtes  hat  die  biblische  Geschichte  zu  bilden.  Ihr  sind  Spruch
und  Lied  anzuglieden,  mit  ihr  ist  die  Behandlung  des  Katechismus  in  die
engste  Verbindung  zu  setzen.”  Der  Gedächtnisstoff  wird  auf  das  Notwendigste
beschränkt,  damit  die  ethische  Seite  des  Unterrichts  um  so  mehr  in  Kraft  treten
kann’.  Auch  nach  den  sächsischen  Bestimmungen  ‘ist  die  Gedächtniskraft  der
Schüler  so  wenig  wie  möglich  in  Anspruch  zu  nehmen’;  das  gleiche  gilt  für
Hessen;  und  in  Württemberg  soll  der  Religionsunterricht  in  allen  Schulen
wesentlich  biblischer  Unterricht  sein,  in  den  Klassen  für  das  schulpflichtige  Alter
“als  Grundlage  für  den  systematischen  Unterricht,  welcher  den  Konfirmanden  erteilt
wird”.  Das  sind  erfreuliche  Bestimmungen,  denen  fast  durchweg  zugestimmt
wird.)  “Kinder  brauchen  viel  Liebe  und  Beispiel,  und  sehr  wenig  Religionslehren’,
  sagt  Hilty  einmal,  und  er  hat  sicher  recht.  Auch  darin  herrscht  in
der  Praxis  weitgehende  Übereinstimmung,  daß  in  VI  im  allgemeinen  alttestamentliche,
  in  V  neutestamentliche  Geschichten  vorgenommen  werden.  Das  Alte
Testament  sollte  für  die  Kleinen  mit  den  Patriarchen  beginnen.  Vor  den  Hauptfesten
  werden  vielfach  schon  in  VI  die  betreffenden  Geschichten  des  Neuen

1)  Sie  stimmen  im  wesentlichen  für  die  entsprechenden  Stufen  aller  Arten  von  höheren
Schulen  überein;  das  gilt  nicht  nur  für  Preußen.

*)  Für  einen  bedauerlichen  Rückschritt  wäre  es  zu  halten,  wenn  den  Vorschlägen  von
Otto  Perthes  (Der  Gedächtnisstoff  im  Religionsunterricht’,  Bielefeld  1903)  Folge  gegeben
würde.  So  viel  man  im  einzelnen  aus  dem  Buch  für  die  fruchtbare  Verknüpfung  von  Katechismusstücken
  bzw.  Lutherworten,  Sprüchen  und  Liederversen  lernen  kann:  die  Grundtendenz,
  den  Gedächtnisstoff  wieder  in  den  Mittelpunkt  zu  rücken  und  den  Religionsunterricht
  der  Kinder  wieder  systematisch  zu  gestalten,  zu  einer  “für  die  entsprechende  Stufe
angemessenen  Übersicht  über  die  christliche  Heilslehre’,  sollte  ein  überwundener  Standpunkt
bleiben.