106  Vorıner:  Evangelische  Religionslehre.

hat  sich  noch  nicht  allgemein  durchgesetzt;  das  ist  auch  gar  nicht  nötig.  Die  in
Preußen  bevorzugte  von  Voelker-Strack  (Hofmann-Leipzig,  12.  Aufl.  1904)  hat  es
sich  in  besonderem  Maße  zur  Aufgabe  gemacht,  unter  möglichster  Wahrung  des
revidierten  Luthertextes  bei  Kürzungen  und  sonstigen  Änderungen  durch  Vergleichung
  des  Grundtextes  ein  Abweichen  vom  ursprünglichen  Sinn  zu  vermeiden;
das  Biblische  Lesebuch  der  Bremer  Bibelgesellschaft  wahrt  im  Äußeren  mehr  den
Charakter  der  gewohnten  Bibel.  Noch  seien  die  Arbeit  von  Schäfer-Krebs  und
Meltzers  ‘  Alttestamentliches  Lesebuch’  erwähnt,  das  um  seiner  nach  geschichtlichen
Gesichtspunkten  erfolgten  Auswahl  und  Anordnung  willen  Beachtung  verdient.

Was  aber  soll  in  IV  gelesen  werden?  Preußen  verfügt  allgemein:  ‘Lesen
und  Erklärung  von  alttestamentlichen  und  besonders  von  neutestamentlichen
Abschnitten  behufs  erweiternder  und  vertiefender  Wiederholung.  der  in  VI  und
V  behandelten  biblischen  Geschichten.”  Also  nichts  Zusammenhängendes!  Müssen
diese  ewig  wiederholten  Einzelgeschichten  den  Schülern  nicht  verleidet  werden?!
Aber  anderswo  steht  es  selten  besser.  In  Bayern  treibt  man  in  der  1.—4.  Klasse
“Geschichten  des  Alten  und  Neuen  Testaments’  und  beginnt  erst  in  der  5.  (Obertertia)
  eine  zusammenhängende  “alttestamentliche  Heilsgeschichte’  (vgl.  die  Aufgabe
  der  UIII  ın  Preußen).  Auch  die  württembergische  Forderung  für  Klasse  IV
(Normalalter  11—12  Jahre):  “Geschichte  des  Alten  Bundes  im  Anschluß  an
ausgewählte  Stücke  aus  Mose,  Josua,  Richter,  Samuel,  Könige,  Hiob  und  Psalter’
kommt  im  wesentlichen  auf  eine  Wiederholung  von  Bekanntem  hinaus.  Gewiß
ist  es  nur  zu  billigen,  wenn  Halfınann  und  Köster  nach  einheitlichen  Lesestoffen
für  das  Quarteapensum  suchen.  Ob  aber  ihre  Wahl:  Genesis  und  Marcus  die
beste  war,  ist  eine  andere  Frage.  Ich  bin  auf  starken  Widerspruch  gefaßt,
wenn  ich  vorschlage:  statt  Genesis  die  Propheten.  Man  bedenke:  das  ist  neuer
Stoff,  der  Beginn  gerade  mit  ihm  entspricht  seiner  zentralen  Stellung  in  der
israelitischen  Religionsgeschichte,  und  er  bietet  die  denkbar  beste  Vorbereitung
auf  die  Lektüre  der  Synoptiker,  auf  Johannes  und  Jesus.  Bei  guter  Auswahl
ist  er  aber  auch  nicht  zu  schwer  für  die  Schüler.  “Leichtere  Stellen’  daraus
liest  man  in  Preußen  lehrplanmäßig  in  UIIl,  so  auch  in  Württemberg,  “historische
  Abschnitte  aus  den  Propheten’  am  Hamburger  Johanneum  in  IV.  Ich
bin  fest  überzeugt,  daß  man  mit  den  Darbietungen  in  dieser  Klasse  weiter  gehen
kann  als  bisher.  Das  Auftreten  des  Hirten  von  Thekoa  in  Bethel,  die  Begegnung
  des  Jesaia  mit  Ahas  bei  der  Wasserleitung,  Jeremias  Predigt  bei  der
Treulosigkeit  des  Volks  gegen  die  Freigelassenen,  der  Jubel  des  Deuterojesaia
bei  der  nahenden  Rettung  aus  dem  Exil  sollten  für  Quartaner  nicht  wirksam
zu  machen  sein?  Freilich,  der  historische  Hintergrund  der  ausgewählten  Redeabschnitte
  muß  sorgfältig  und  fesselnd.  geschildert  werden.  Ich  kann  darauf
hier  leider  nicht  näher  eingehen.!)  Die  Genesis  aber  gehört  im  Zusammenhang

ı)  Wie  ich  mir  die  Erleichterung  des  Verständnisses  denke,  habe  ich  in  Baumgartens
Monatsschrift  1901,  S.  30f.  an  dem  Beispiel  “Jeremia  am  Tempeltor’  dargeten.  —  Auf  der
Oberstufe  gelegentlich  den  Schülern  gerade  die  Gestalt  Jeremias  wirkungsvoll  ins  Gedächtnis
zurückzurufen,  dazu  eignet  sich  das  dramatische  Gedicht  “Jeremia’  von  Johannes  Arthur,
Mohr-Tübingen  1903,  über  das  man  etwa  Vortrag  halten  lassen  kann.