108  Vorrner:  Evangelische  Religionslehre.

vorgeschriebener  Auswahl.  In  Sachsen  gibt  man  in  Untertertia  außer  neutestamentlicher
  Geschichte  und  Bibelkunde  Glaubenslehre  mit  Ausnahme  der
Sakramente  und  der  Lehre  von  den  letzten  Dingen.  —  Was  soll  von  alledem
gelten?  Ich  meine,  es  wird  hier  Zeit,  die  Schüler  einigermaßen  mit  dem  Inhalt
des  Evangeliums  bekannt  zu  machen.  Hat  man  in  Quarta  im  2:  Halbjahr  nach
Halfmann-Kösters  Vorschlag  den  äußeren  Lebensgang  Jesu  an  der  Hand  des
Marcusevangeliums  zur  Anschauung  gebracht,  so  ist  es  ein  natürlicher  Fortschritt,
  nun  näher  auf  den  Inhalt  seiner  Verkündigung  einzugehen,  vor  allem
auf  die  Bergpredigt  und  die  Gleichnisse.  Daran  würde  sich  zwanglos  die  erste
Hälfte  der  Apostelgeschichte  reihen,  die  dann  in  Obertertia  durch  Lektüre  der
2.  Hälfte  zu  ergänzen  wäre  Aus  dem  Lehrplan  für  ÖObersekunda,  wo  die
Apostelgeschichte  in  Preußen  erscheint!),  müßte  sie  verschwinden,  um  Schwierigerem
  Platz  zu  machen.  Daß  man  auch  die  Reden  auf  einer  tieferen  Stufe
sehr  wohl  verständlich  machen  kann,  habe  ich  an  anderer  Stelle  an  dem
Beispiel  der  Pfingstrede  des  Petrus  geeigt.)  So  fällt  der  Grund  fort,  den
man  für  die  vielfach  übliche  doppelte  Lektüre  der  Apostelgeschichte,  auf  der
Mittel-  und  Oberstufe,  angeführt  hat.  Unser  Ergebnis  für  Untertertis  wäre
demnach:  ausgewählte  Abschnitte  aus  Matthäus  und  Lukas  sowie  Acta  1—12.
Die  Mitteilungen  aus  der  Reformationsgeschichte,  die  man  in  Sachsen  auf  dieser
Stufe  noch  gibt,  werden  dann  freilich  bei  gebührender  Berücksichtigung  des
Memorierstoffs®)  hier  kaum  beibehalten  werden  können;  in  Preußen  fallen  sie
der  Obertertia  zu.

OlIl.  Für  die  beiden  weiteren  Klassen  der  Mittelstufe  ist  hier  zweierlei
ernstlich  zu  berücksichtigen.  Vielfach  sind  die  Schüler  dieser  Klassen  durch
Teilnahme  am  Konfirmandenunterricht  eine  Zeitlang  dem  Religionsunterricht
der  Schule  entzogen.*)  Da  muß  der  Lehrstoff,  solange  eine  Normalklasse  für  die
Konfirmation  nicht  besteht,  beweglich  sein;  er  muß  in  den  verschiedenen  Orten
und  Schulen  mit  Rücksicht  auf  die  Konfirmanden  so  verteilt  werden  dürfen,  daß
deren  Versäumnis  möglichst  gering  ist.  Sodann  ist  im  Auge  zu  behalten,  daß
die  UII  für  manchen  Schüler,  auch  der  Vollanstalten,  den  Abschluß  seiner  Schulbildung
  bedeutet.  Kein  protestantischer  Schüler  aber  sollte  seine  Anstalt  verlassen
  ohne  einige  Kenntnis  der  Reformation  und  der  natürlich  objektiv  zu
schildernden  ultramontanen  Gefahr.  Darum  wäre  diese  wichtige  Materie  in
jedem  Falle  so  zu  legen,  daß  möglichst  wenige  Schüler  sie  versäumen.  Und  so
ist  denn  unsere  Stoffverteilung  für  OIII  und  Ull  durchaus  variabel  gedacht.
Unter  diesem  Vorbehalt  sei  für  OIII  der  2.  Teil  der  Apostelgeschichte  und
‘“Reformationsgeschichte  im  Anschluß  an  ein  Lebensbild  Luthers’  angesetzt;

1)  In  den  6stufigen  Anstalten  fallen  die  “wichtigsten  Abschnitte  aus  der  Apostelgeschichte’
  der  U  II  zu.

#)  Baumgartens  Monatsschrift  1901,  8.  32f.  Der  logische  Gedankenfortschritt  wird  hier
gewissermassen  dramatisch  durch  entsprechende  Einwürfe  der  Zuhörer  motiviert.

®,  Alles  in  Betracht  kommende  gut  zusammengestellt  bei  Halfmann-Köster  II,  Ausg.
A  besonders  für  Realschulen,  B  für  Vollanstalten.

*  Statistisches  hierzu  bei  Marx,  Ztschr.  f.  ev.  R.-U.X  8.  5ff.;  am  Johanneum  in  Hamburg
  ist  die  am  meisten  betroffene  Klasse  die  UI.