Lehrgang  und  Schulbücher;  Oberstufe.  111

besonders  ‘kritische  Untersuchungen’  auf  dem  Gebiete  der  Einleitungswissenschaften.
  Es  ist  hier  nicht  der  Ort  zu  prüfen,  ob  es  auf  andern  (Gebieten
ebenso  ängstlich  vermieden  wird,  dem  Fachstudium  vorzugreifen,  so  namentlich
in  den  Naturwissenschaften  auf  Oberrealschulen:  der  Grundsatz  besteht  jedenfalls
  zu  Recht,  daß  die  Schule  allgemeine,  nicht  Fachbildung  zu  vermitteln  hat.
Aber  zur  allgemeinen  Bildung  gehören  heute  denn  doch  auch  wohl  einige
Hauptergebnisse  der  Religionswissenschaft.  Von  der  homerischen  Frage  oder
der  des  Nibelungenliedes  und  von  dessen  Verhältnis  zur  nordischen  Sage  pflegen
die  Jünglinge  auf  der  Oberstufe  immerhin  einiges  zu  hören:  von  der  Entstehung
des  Alten  Testaments,  der  synoptischen  Frage,  von  dem  Einfluß  der  assyrischbabylonischen
  Kultur  auf  die  alttestamentliche,  der  hellenistischen  auf  die
christliche  sollten  sie  nichts  erfahren?!  Primanern,  die  in  den  Literaturstunden
an  der  Hand  eines  Plato,  Sophokles,  Shakespeare  oder  Goethe  die  tiefsten
Probleme  erörtern,  denen  will  man  zumuten,  im  Religionsunterricht  eine  thetische
Darbietung:  der  Augustana  interessiert  und  gläubig  hinzunehmen?!  Soll  dieser
Unterricht  hier  nicht  einfach  zwecklos  sein,  so  muß  der  Lehrer  auf  die  Dinge
eingehen,  die  die  jungen  Leute  in  dem  Alter  bewegen;  das  sind  nicht  etwa  die
Vorzüge  der  lutherischen  vor  der  calvinischen  Abendmahlslehre  oder  das  Geheimnis
  der  unvermischbar,  aber  auch  untrennbar  vereinigten  beiden  vollständigen
  Naturen  Christi,  sondern  die  letzten  Fragen,  nach  der  Berechtigung
des  Gottesglaubens  oder  nach  Sinn  und  Ziel  unseres  Daseins,  das  Problem  der
Willensfreiheit  und  Ähnliches.  So  erteilt,  kann  der  Religionsunterricht  auf  der
Oberstufe  den  größten  Segen  stiften;  denn  er  wird  manchen  jungen  Menschen
vor  blasierter  Preisgabe  des  Höchsten  und  Besten  bewahren.

In  Preußen  hatte  man  1882  —  das  ergab  sich  schon  —  von  diesen  Bedürfnissen
  eine  klarere  Erkenntnis  als  jetzt.  Gegenwärtig  kommt,  soweit  ich
sehe,  Hessen  mit  seinen  Aufstellungen  unserem  Ideal  am  nächsten;  hier  wird  in
der  Glaubens-  und  Sittenlehre  “vorzugsweise  auf  diejenigen  Wahrheiten  eingegangen,
  die  für  das  Bewußtsein  der  heutigen  Gebildeten  im  Vordergrunde
stehen  und  über  die  orientiert  zu  werden  daher  für  die  studierende  Jugend
vorzugsweise  Bedürfnis  ist’;  und  bei  der  neutestamentlichen  Lektüre  wird  “das
zum  Verständnis  erforderliche  Material  aus  der  Geschichte  der  antik-heidnischen
Welt,  der  Geschichte  Israels  und  der  neutestamentlichen  Zeitgeschichte’  beigebracht.
  Beides  geschieht  freilich  auch  noch  anderswo,  ohne  daß  ausdrückliche
  Bestimmungen  darüber  vorlägen.

In  OU  haben  wir  nach  den  früheren  Darlegungen  Zeit  gewonnen  für  eine
zusammenhängende  Behandlung  des  alttestamentlichen  Schrifttums.  Hier  könnte
man  sich,  um  eine  gemeinsame  Grundlage  zu  haben,  auf  den  ‘Abriß’  von
Kautzsch'!)  einigen,  der  indessen  den  Schülern  nicht  in  die  Hand  gegeben  zu
werden  brauchte  Um  den  ‘positiven  Ertrag  eines  solchen  Unterrichts  wäre  mir
nicht  hange,  wenn  er  im  Geiste  dieses  Abrisses  erteilt  würde,  der  in  den  Worten

1)  In  den  Beilagen  zu  der  von  ihm  herausgegebenen  Übersetzung  ‘Die  Heilige  Schrift
des  Alten  Testaments’.