112  VorLurr:  Evangelische  Religionslehre.

des  Apostels  ausklingt:  ‘O  welch  eine  Tiefe  des  Reichtums  und  der  Weisheit
und  Erkenntnis  Gottes!”  Von  den  Gegnern  als  Geschichtskonstruktion  gescholten,
entspricht  die  hier  vertretene  Auffassung  von  dem  Entwicklungsgang  der  alt
testamentlichen  Religion  in  der  Tat  nicht  nur  dem  auf  die  vorliegenden  Dokumente
  sich  stützenden  historischen  Denken,  sondern  auch  den  tiefsten  Interessen
des  Glaubens,  indem  sie  ‘treulich  die  Wege  nachzuzeichnen  sucht,  die  Gott
mit  dem  auserwählten  Volke  gegangen  ist.”  Die  religions-  und  literargeschichtlichen
  Ergebnisse  sind  natürlich  bei  entsprechender  Lektüre  zu  gewinnen.  Für
diese  Lektüre  aber  muß  unbedingt  die  “Textbibel’  (Kautzsch-Weizsäcker)!)  gefordert
  werden.  An  Oberrealschulen  und  Realgymnasien  hat  sich  schon  mehrfach
für  das  N.  T.  die  Übersetzung  von  Weizsäcker  bewährt;?)  für  das  A.  T.  aber  reicht
die  Luthersche  Übersetzung  auf  der  Oberstufe  noch  viel  weniger  aus.  Daß  die
klassische  Arbeit  Luthers  den  Schülern  nicht  fremd  werde,  dafür  sorgen  die  Mittelklassen,
  die  Schulandachten  und  die  gebührende  Würdigung  in  der  deutschen
Literatur-  und  der  Kirchengeschichte.  Pentateuchkritik  im  einzelnen  gehört  gewiß
nicht  in  die  Schule;  aber  eine  Ahnung  von  den  wichtigsten  Quellenschriften,  dem
Jahwisten,  Elohisten,  dem  u.  a.  das  Bundesbuch  angehört,  dem  Deuteronomium
und  Priesterkodex,  müßte  hier  vermittelt  und  auch  in  den  Geschichtsbüchern  der
Kompositionscharakter  nachgewiesen  werden.)  An  Daniel  schließt  sich  ungezwungen
  eine  kurze  Würdigung  der  Apokalyptik;  die  führt  dann  zum  N.  T.,  dem
der  Rest  der  Zeit  in  OII  gewidmet  sei.  Neben  das  mit  wenigen  Strichen  wieder
aufzufrischende  synoptische  Christusbild  trete  hier  das  johanneische.  Auch  die
nötigen  Mitteilungen  über  die  Eigenart  der  verschiedenen  Evangelien  und  ihre
Entstehung  finden  hier  ihre  Stelle.  Das  entspricht  den  hessischen  Lehrplänen.
Auch  in  Preußen  und  Sachsen  liest  men  ausgewählte  Abschnitte  aus  dem
4.  Evangelium  erst  auf  der  Oberstufe  und  zwar  in  Prima,  wo  indessen  die  Zeit
dazu  nach  unserem  Plane  nicht  zu  erübrigen  ist.  Der  lehrplanmäßig  in  Prima  zu
bietende  zusammenhängende  Überblick  über  die  Kirchengeschichte  beginnt  am
natürlichsten  mit  dem  ersten  christlichen  Theologen  und  Organisator;  darum
gehört  die  eingehendere  Lektüre  aus  den  paulinischen  Briefen  nach  Prima.
Ul  setze  ein  mit  den  Korintherbriefen.  Fast  allgemein  wird  zugestanden,
daß  sich  der  Römerbrief  wegen  seines  dogmatischen  Charakters  zur  zusammenhängenden
  Lektüre  weniger  eignet;  Teile  daraus  wie  auch  aus  anderen  Briefen,
besonders  an  die  Galater  und  Philipper,  und  entsprechende  Abschnitte  aus  der
Apostelgeschichte  —  der  unumwunden,  wo  es  not  ist,  die  Briefe  als  zuverlässigere
  Zeugen  vorzuziehen  sind  —,  zu  1.  Korinther  13  z.  B.  auch  Stellen  aus

)  Mohr-Tübingen  hat  eine  billige  Volksausgabe  zu  5  Mk.  erscheinen  lassen  (A.T.  mit
Apokryphen  und  N.T.).

”)  Vgl.  dazu  mein  Gutachten  in  der  schon  wiederholt  angeführten  Sammelschrift
V.e.R.

°,  Gelegentlich  mag  auch  einmal  das  Neben-  und  Durcheinander  dieser  Quellen  verenschaulicht
  werden;  dazu  eignen  sich  etwa  die  sogenannte  ‘Regenbogenbibel’  oder  Kautzsch-Socins
  “Genesis  mit  äußerer  Unterscheidung  der  Quellenschriften’  (durch  verschiedenen
Druck),  Mohr-Tübingen  1891*,