Lehrgang  und  Schulbücher;  Oberstufe.  113

dem  1.  Johannesbrief  werden  natürlich  herangezogen;  das  macht  sich  ganz  von
selbst.  Vom  2.  Korintherbrief  sind  nur  einige  Abschnitte  nötig;  such  aus
dem  1.  muß  einiges,  kann  manches  wegbleiben,  z.  B.  im  7.  Kapitel.  Für  das
Gymnasium  erscheint  mir  der  griechische  Text  als  selbstverständlich,  für  die
andern  Anstalten  Weizsäckers  Übersetzung.  Aber  man  wird  guttun,  einen
Teil  der  Lektüre  der  häuslichen  Vorbereitung  zu  überlassen,  die  man  ja  leicht
durch  einige  Fragen  überwacht,  und  im  Unterricht  selbst  mit  den  Schülern
  gemeinsam  möglichst  klare  Bilder  zu  erarbeiten  suchen  vom  Inhalt  der
ersten  Verkündigung  des  Apostels  in  Korinth,  von  der  Zusammensetzung  der
Gemeinde,  den  Vorgängen  in  der  Abwesenheit  des  Paulus,  dem  mündlichen  und
schriftlichen  Verkehr,  den  er  mit  der  Gemeinde  unterhält,  vor  allem  ein  möglichst
  treues  Bild  von  dieser  gewaltigeu  Persönlichkeit  selbst,  in  deren  schwacher
Hülle  Gottes  Kraft  mächtig  geworden  war.  Eine  so  gewonnene  Charakteristik
haftet  besser,  als  wenn  sie  der  Lehrer  mit  Engelszungen  vortrüge.

Mit  dem  Leben  des  Apostels  sind  wir  bereits  in  die  Kirchengeschichte
eingetreten;  nach  allen  Richtungen  bieten  sich  Anknüpfungspunkte:  für  die
Ausbreitung,  Organisation  und  Verfolgung  ebenso  wie  für  die  Lehrentwicklung
und  Sektenbildung.  Das  Wort  des  Apostels  von  dem  xAnpoua  Toü  zg6vov
(Gal.  4,  4)  oder  seine  Begegnung  mit  den  Stoikern  und  Epikureern  zu  Athen
(Act.  17)  gibt  Gelegenheit,  von  der  für  die  Ausbreitung  des  Christentums  so
besonders  günstigen  geistigen  Verfassung  der  damaligen  griechisch-römischen
Welt  zu  reden,  womit  dann  am  besten  gleich  der  Nachweis  verbunden  wird,
wie  diese  Kultur  mit  ihren  philosophischen  Begriffen,  ihren  Mysterien,  ihrem
Vereinswesen  die  Entwicklung  des  Christentums  beeinflußt.  Die  Christenverfolgungen
  werden  oft  viel  zu  breit  behandelt;  der  evangelische  Wahrheitssinn
verlangt  es,  neben  diesen  Greueln  auch  der  Vergewaltigungen  zu  gedenken,  die
später  das  Heidentum  von  den  siegreichen  Christen  erfuhr.  Die  Sympathie,  die
in  jedem  fühlenden  Gymnasialprimaner  des  Symmachus  Appell  an  Valentinian
‘pro  ara  Victoriae’  oder  die  feurige  Rede  des  Libanius  ‘xgo  lep@v’  für  die  sinkende
  antike  Herrlichkeit  auslöst,')  ist  gewiß  nicht  zu  unterdrücken;  und  das
idealisierte  Bild,  das  Eusebius  von  Kaiser  Konstantin  zeichnet,  darf  nicht  ohne
einen  Seitenblick  auf  die  Darstellung  des  Zosimus  dargeboten  werden.  Überhaupt
  ist  von  Anfang  an  Ernst  zu  machen  mit  der  hessischen  Bestimmung:
“Während  die  heilbringenden  Wirkungen  des  Uhristentums  als  religiöser  und
Kulturmacht  dem  Schüler  zum  Bewußtsein  kommen,  müssen  gleichzeitig  die
schon  jetzt  hervortretenden  Ansätze  der  späteren  Entartung  desselben  aufgezeigt
werden”  Für  einen  ganz  vortrefflichen  Gedanken  halte  ich  die  Grundidee  der
Schülerausgabe  des  kirchengeschichtlichen  Lesebuchs  von  Rinn  und  Jüngst,  den
jungen  Leuten  statt  eines  Leitfadens  nur  dieses  knappe  Quellenbuch  in  die
Hand  zu  geben,?)  zwischen  dessen  einzelnen  Nummern  der  freie  Vortrag  des

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1)  Vgl.  meine  Übersetzungen  in  den  ‘Stimmen  der  Heiden’,  Christliche  Welt  1900,
Nr.  24.  26,  und  in  dem  Kirchengeschichtlichen  Lesebuch  von  Rinn-Jüngst  (in  der  größeren
Ausgabe,  $.  37.  41f.).
r,  Im  einzelnen  bleiben  für  dieses  Buch  noch  manche  Desiderien;  doch  sind  Verfasser
Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  8