114  Vorıser:  Evangelische  Religionslehre.

Lehrers  die  Verbindung  herzustellen  hat.  Man  wird  zusehen  müssen,  in  UI
mit  der  Kirchengeschichte  möglichst  weit  zu  kommen,  etwa  bis  zur  Reformation
einschließlich;  diese  kann  man  ja  mit  Rücksicht  auf  die  frühere  Behandlung
im  wesentlichen  repetitionsweise  erledigen.  Doch  muß  Zeit  bleiben,  eine  der
drei  reformatorischen  Hauptschriften  Luthers  womöglich  ganz  zu  lesen.  In
diesem  Zusammenhang  geschichtlicher  Betrachtung  wird  auch  am  besten  erledigt,
  was  von  der  Augustana  den  Schülern  zu  wissen  not  tut.

Für  OI  bliebe  dann  zunächst  die  Kirchengeschichte  der  neueren  Zeit.  Hier
muß  der  Forderung,  die  Schüler  auf  die  Teilnahme  am  Gemeindeleben  vorzubereiten,
  insofern  entsprochen  werden,  als  die  geschichtliche  Betrachtung  in.
eine  klare  Skizzierung  der  kirchlichen  Gegenwart  mit  ihren  mannigfachen
Nöten  und  Bestrebungen  auszulaufen  hat.  Hier  vor  allem  ist  auch  der  sozialen
Aufgabe  des  Christentums  zu  gedenken  und  gegenüber  einem  satten  und  bequemen
  Wohlgefallen  an  den  bestehenden  Einrichtungen  der  inneren  Mission
die  Pflicht  persönlicher  Mitarbeit  an  der  Überbrückung  der  herrschenden  Klassengegensätze
  durch  Betätigung  brüderlich  fürsorgender  Gesinnung  im  täglichen
Leben,  besonders  auch  innerhalb  des  durch  den  Beruf  und  Haushalt  gegebenen
Kreises  zu  betonen.!)  Solche  Forderungen  christlicher  Sittlichkeit,  am  konkreten
Beispiel  erläutert,  sind  sicherlich  wirksamer  als  eine  im  System  gebotene  Ethik.
Der  Zusammenschluß  im  evangelischen  Gemeindeleben  ist  mit  taktvollem  Hinweis
  auf  den  Zug  der  Zeit  zur  Genossenschaftsbildung  auch  unter  den  Gesichtspunkt
  der  Einigung  gegenüber  der  großen  vom  Papismus  her  drohenden  Gefahr
zu  stellen.  Zur  IDlustration  dieser  Gefahr  sollte  sich  kein  Lehrer  den  Syllabus
und  das  zu  seiner  Erläuterung  vom  Grafen  von  Hoensbroech  ?)  zusammengetragene
Material  entgehen  lassen.  Agitation  und  Sammlungen  für  den  Evangelischen
Bund,  den  Gustav-Adolf-Verein  und  ähnliche  Veranstaltungen  sind  innerhalb
der  Schule  durchaus  zu  verwerfen;  aber  die  jungen  Leute  müssen  durch  das
erforderliche  Quantum  Wissen  vor  konfessioneller  Gleichgültigkeit  bewahrt

und  Verleger  Besserungsvorschlägen  sehr  zugänglich.  Vor  allem  scheint  mir  eine  Sonderausgabe
  für  Gymnasien  nötig,  in  der  die  wichtigsten  Stücke,  darunter  die  Hymnen,  im
Grundtext  geboten  werden.  Einiges  Brauchbare  derart  findet  man  jetzt  im  ersten  Teil  des
sonst  aber  viel  weniger  geeigneten  “Kleinen  Quellenbuch#’  von  Halfmann-Köster.  Mehlhorns
‘Aus  den  Quellen  der  Kirchengeschichte’  ist  zu  umfangreich  und  teuer  für  Schulzwecke.
Genannt  seien  noch  die  Arbeiten  von  Noack  (zu  dürftig)  und  Thrändorf  (meines  Wissens
erst  von  Spener  &amp;n).

1)  Dankenswert  sind  auch  die  Anregungen,  die  Thrändorf  in  seiner  Schrift  ‘Die  soziale
Frage  in  Prima’  (Beiträge  zur  Methodik  des  Religionsunterrichts  an  höheren  Schulen,  I.  Heft,
Bleyl  und  Kaemmerer-Dresden  1905)  gibt.  Bekanntschaft  mit  Gustav  Werner,  der  christlich-sozislen
  Bewegung  in  England,  der  Kaiserlichen  Botschaft  vom  17.  November  1881  und
den  Arbeiterschutzerlassen  Wilhelms  II.  kann  in  der  Tat  mit  dazu  anleiten,  “das  Getriebe
des  gesellschaftlichen  Lebens  der  Gegenwart  mit  sittlich-kritischen  Augen  zu  betrachten’,
ohne  daß  der  der  Schule  entsprechende  geschichtliche  Boden  verlassen  wird.  Einige  auf
den  genannten  Stoff  bezügliche  Texte  hat  der  Verfasser  in  einem  Sonderheft  “Soziales
Christentum,  Ein  Beiblatt  zu  jedem  kirchengeschichtlichen  Lesebuch’  im  gleichen  Verlag
erscheinen  lassen.

)  Der  Syllabus,  seine  Autorität  und  Tragweite.  Lehmann-München,  8.  a.