Lehrgang  und  Schulbücher;  Oberstufe,  115

bleiben.  Freilich,  um  hier  fruchtbar  zu  wirken,  ist  tiefer  einzusetzen  und  vor
allem  dem  religiösen  Indifferentismus  überhaupt  zu  begegnen.  Diese  Aufgabe
des  Religionsunterrichts  in  Prima  würde  nach  unserer  Auffassung  ungefähr  dem
entsprechen,  was  in  den  Lehrplänen  als  Glaubenslehre  bezeichnet  wird.  Ich
bin  der  festen  Überzeugung,  daß  heutzutage,  wenigstens  bei  großstädtischen
Primanern,  nur  eine  möglichst  voraussetzungslose  Erörterung  der  religiösen
Grundfragen  erfolgreich  sein  kann.  Es  handelt  sich  also  zunächst  darum  —
und  das  gilt  in  besonderem  Maße  für  die  Oberstufe  der  neunklassigen  Realanstalten
  —,  den  Schülern  die  Gewißheit  beizubringen,  daß  bei  allem  Fortschritt
naturwissenschaftlichen  Erkennens  ein  Rest  bleibt,  der  ‘nicht  aufgeht’,  und  daß
ihre  mathematischen  und  physikalischen  Gesetze  und  die  interessantesten  Beobachtungen
  der  Biologie  nicht  ausreichen  zur  Erklärung  der  letzten  Probleme.
Gute  Dienste  leisten  dabei  die  bekannten  Schriften  von  du  Bois-Reymond,  neuerdings
  das  erwähnte  Buch  von  Otto,  die  natürlich  nur  im  Auszug  behandelt
werden  können.  So  wird  in  dem  Bewußtsein  der  Schüler  ein  fester  Boden  gewonnen,
  auf  dem  sich  nun  positiv  weiterbauen  läßt;  und  das  rückhaltlose  Eingehen
  auf  die  letzten  Fragen  verschafft  dem  Lehrer  eine  Vertrauensstellung,
die  ihm  bei  diesem  weiteren  Aufbau  sehr  zustatten  kommt.  Als  klassische
Lektüre  über  das  Wesen  der  Religion  sollten  hier  allgemein  Abschnitte  aus
Schleiermachers  Reden  behandelt  werden,  wobei  sich  freilich  dem  Lehrer  Gelegenheit
  genug  zu  klärenden  und  erweiternden  Darlegungen  bietet,  z.  B.  nach
Boussets  bekannten  Vorträgen;'!)  statt  der  Auszüge  im  Lesebuch  müßte  man
übrigens  ebenso  wie  bei  Luther  den  Schülern  die  ganze  Schrift  in  die  Hand
geben  —  das  sind  ja  doch  xrijuara  eig  del.  Soweit  es  sich  nicht  im  Rahmen
der  geschichtlichen  Betrachtung  macht,  werden  dabei  auch  die  nötigen  Mitteilungen
  über  andere  Religionen,  namentlich  den  Buddhismus,  gegeben  werden.
Natürlich  muß  sich  Maß  und  Gestaltung  alles  dessen  nach  der  jeweiligen
Zusammensetzung  der  Klasse  richten.  Über  Stoffmangel  wird  man  jedenfalls
  nicht  zu  klagen  haben;  aber  ich  glaube,  man  wird  dem  durch  solche
Darbietungen  gesteigerten  Interesse  der  Schüler  auch  ein  wenig  selbständige
Arbeit  zu  Hause  zumuten  dürfen.  Einen  trefflichen  Abschluß  würden  Mitteilungen
  über  die  Religion  im  Leben  und  Denken  hervorragender  Männer
neuerer  Zeit  bilden;  auch  das  ist  ja  heute  dem  Lehrer  durch  eine  Fülle
literarischer  Erscheinungen  so  leicht  gemacht.)  Die  Zeit  und  die  persönliche
Stellung,  die  er  der  Klasse  gegenüber  gewonnen  hat,  wird  entscheiden  müssen,
ob  er  seinen  Unterricht  mit  einer  Besprechung  des  bevorstehenden  akadeı)

  ‘Das  Wesen  der  Religion,  dargestellt  an  ihrer  Geschichte’,  Gebauer  -Schwetschke-Halle
  1908.

?)  Erinnert  sei  nur  an  ‘Bismarcks  Stellung  zu  Religion  und  Kirche’  von  Otto  Baumgarten,
  Mohr-Tübingen  1900  und  an  das  schon  erwähnte  Buch  von  Karl  Sell  über  ‘Die
Religion  unserer  Klassiker’.  —  Zu  den  religiösen  Klassikern  der  Gegenwart  zähle  ich  mit
W.  Rein  (“Beiträge  zur  Weiterentwicklung  der  Religion’  S.  294)  besonders  auch  Friedrich
Naumann;  seine  “Briefe  über  Religion’  können  dem  Lehrer,  der  sie  nicht  selbst  empfindet,
manche  Schwierigkeiten  zeigen,  die  dem  religiösen  Denken  der  heutigen  Zeit  zu  schaffen

machen.
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