118  Vorıwer:  Hebräisch.

Etwa  vom  12.  Jahrhundert  an  begegnen  uns  dann  auch  in  der  kirchlichen
Literatur  reichlichere  Spuren  hebräischer  Kenntnisse;  meist  freilich  handelt  es
sich  um  getaufte  Juden.  Im  Dienste  der  Judenmission  verwandte  der  Dominikaner
  Raymundus  Martini,  der  Verfasser  des  Pugio  fidei,  seine  auch  auf  das
Hebräische  sich  erstreckende  Sprachgewandtheit  (}  nach  1284),  Raymundus
Lullus  aber,  ein  Franziskaner,  setzte  1311  auf  dem  Konzil  zu  Vienne  den  Beschluß
  durch,  daß  in  Paris,  Oxford,  Bologna  und  Salamanca  für  Hebräisch,
Griechisch,  Arabisch  und  Chaldäisch  je  zwei  Lehrer  bestellt  werden  sollten.
Seitdem  wurde  zu  Paris  das  Hebräische  doziert.  Am  Ausgang  des  15.  und
Anfang  des  16.  Jahrhunderts  erscheinen  die  ersten  christlichen  grammatischen
Arbeiten;  Petrus  Nigri,  Johannes  Böhm,  Aldus  Manutius,  Konrad  Pellicanus!)
seien  genannt,  vor  allen  Reuchlin,  dessen  Libri  III  de  rudimentis  hebraicis  1506
zu  Pforzheim  erschienen;  sie  enthalten  ın  den  beiden  ersten  Büchern  ein  Lexikon,
im  dritten  eine  Grammatik  und  gründen  sich  durchaus  auf  jüdische  Gelehrsamkeit.
  Das  gilt  überhaupt  von  den  christlichen  Hebraisten  bis  zu  Joh.  Buxtorf
hin  (F  1629).  Sebastian  Münster  (f  1552)  steht  auf  den  Schultern  des  Elias
Levita  (  1549).  Noch  sei  des  Paulus  Fagius  gedacht  (f  1549)  und  auf  katholischer
  Seite  neben  den  Bemühungen  Ecks  von  Ingolstadt  der  bedeutenden
Kenntnisse  des  Dominikaners  Santes  Pagninus  und  der  Verdienste  Bellarmins.

Im  Zeitalter  der  Reformation  wurde  das  Studium  des  Hebräischen  auch  in
den  Schulen  eingeführt.  Luther  rühmt  gelegentlich  in  den  Tischreden  die
hebräische  Sprache  als  eine,  “da  viel  hinter  ist,  also  daß  es  ihr  keine  nachtun
kann’,  und  fordert  ihr  Studium  neben  dem  des  Lateinischen  und  Griechischen
für  alle  Fakultäten.  Michael  Neander  begründet  in  seinem  bekannten  ‘Bedenken’
  (Vbm  I  757)  die  gleiche  Forderung  damit,  daß  die  hebräische  Sprache
“alma  mater  ist  omnium  linguarum  omnibus  aetatibus  omnium  gentium,  welche
alle  aus  ihrem  Leibe  gekommen,  denen  sie  allen  gibt  und  wiederumb  von  keiner
Sprache  etwas  nimpt  oder  entlehnet’.)  Neander  will  die  hebräische  Grammatik
vom  16.  Lebensjahr  an  behandelt  sehen,  und  ganz  beherzigenswert  ist,  was  er
dazu  schreibt:  “Ob  wol  etliche  meinen,  man  solle  die  Jugend  mit  der  Hebräischen
  Grammatiken  zufrieden  lassen  und  dasselbe  Studium  sparen,  bis  sie  erwachsen
  und  nu  anfangen  Theologiam  zu  studieren  und  der  Kirchen  zu  dienen,
so  bringet  man  doch  die  Praecepta  allezeit  eher  in  die  Jugend,  ob  sie  gleich

Schmids  Enzyklopädie  des  ges.  Erziehungs-  und  Unterrichtsewesens?  III,  von  Hermann  L.  Strack
in  W.  Reins  Enzyklopädischem  Handbuch  der  Pädagogik  VII,  928  ff.  und  Buhl  in  der  Realenzyklopädie
  für  protestantische  Theologie  und  Kirche®  VII;  ich  verdanke  diesen  Arbeiten
manches.

‘)  Seine  Arbeit  “De  modo  legendi  et  intellegendi  Hebraeum’  (um  1500)  ist  durch  Nestle
in  Lichtdruck  neu  herausgegeben  (Tübingen  1877).

*)  Man  betrachtete  und  respektierte  das  Hebräische  geradezu  als  die  Sprache  Gottes,
vgl.  die  Vorrede  zu  der  Hebraeae  linguae  compendiosa  institutio  des  Christophorus  Helvicus
(Wittenberg  1608):  Quis  enim  eam  non  veneretur  et  exosculetur  linguam,  qua  ipsa  Divina
Majestas  sacrosancta  olim  locuta  est!  dazu  auch  die  Worte  des  David  Wolder  (+  1604)  bei
Behrmann,  Hamburgs  Orientalisten,  Hamburg  1902  8.  31.  In  diesem  Sinne  bezeichnete
schon  Luther  das  Studium  des  Hebräischen  als  Gottesdienst.