Geschichte  des  hebräischen  Unterrichts.  119

Alters  halben  sie  nicht  alle  genugsam  verstehn.....  senex  psittacus  negligit
ferulam.’')  Wenn  es  im  Unterricht  der  Visitstoren  heißt,  die  Schulmeister
sollten  ‘vleis  ankeren,  daß  sie  die  kinder  allein  lateinisch  lehren,  nicht  deutsch
oder  griechisch  oder  hebräisch’,  so  ist  man  zunächst  angesichts  der  sonstigen
Äußerungen  der  Reformatoren  fast  versucht,  die  Stelle  von  der  Unterrichtssprache
  zu  verstehen,  sie  erhält  indessen  ihre  Erklärung  durch  die  auf  den
Unterricht  der  Visitatoren  bezugnehmenden  Schulordnungen,  wonach  das  Lateinische
  durchaus  Hauptlehrgegenstand  sein  und  ‘Rudimenta  Grecarum  Literarum’,
‘ock  Hebraische  boeckstaue’  nur  so  weit  getrieben  werden  sollen,  als  sie  die
Erreichung  des  Hauptzieles  nicht  gefährden  (vgl.  z.  B.  Vbm  I  8.  15.  42.  46).
Man  muß  sich  vor  allem  gegenwärtig  halten,  daß  die  in  Betracht  kommenden
Schulen  damals  keineswegs  gleichartig  waren,  weder  bezüglich  ihrer  Zusammensetzung
  noch  ihrer  Abgrenzung  nach  oben.  Die  in  sechs  Rotten  geteilte
Zwickauer  Schule  hatte  schon  1523  für  ‘die  Dreyer’  ‘daß  anheben:  alß  fern  es
die  geschickligkeyt  erfordert:  Hebreischer  und  heyliger  sprach’  bestimmt  (MS
255).  Die  kursächsische  Schulordnung  von  1580  fordert  für  die  oberste  Klasse
der  damals  drei  Abteilungen  umfassenden  Fürstenschulen  zu  Meißen,  Pforta  und
Grimme:  ‘Da  auch  einer  aus  demen  Praeceptores  der  Hebräischen  Sprache
etlicher  maßen  erfahren,  soll  er  an  einem  Sonnabend  denen  Knaben,  so  besonders
  sich  zum  Predigt-Ampt  zu  begeben  bedacht,  das  kurtze  Compendium  Hebraeae
  Grammaticae  lesen,  und  aus  dem  Evangelio  Dominicali,  so  auch  Hebräisch
gedrucket,  oder  kurtzen  Psalmen  dieselbigen  üben  und  denen  jungen  Knaben
einbilden.  Von  Schulbüchern  damaliger  Zeit  seien  als  Kuriosa  erwähnt  der
“cubus  alphabeticus’  des  Elias  Hutter  (1586)  und  Wilhelm  Schickards  “Hebräischer
Trüchter’,  sein  “horologium’  und  seine  “rota  hebraea’  (1621).  Die  methodologischen
  Verdienste  des  Ratichius,  Helvicus  und  Comenius  kamen  auch  dem
Hebräischen  zugute;  von  dem  schon  genannten  mittleren  rührt  die  erste
hebräische  Grammatik  in  deutscher  Sprache  her;  diese  “hebraeische  Sprachkunst
  deutsch  beschrieben’  erschien  nach  dem  Tode  des  Verfassers  1619.  Man
steckte  sich  übrigens  die  Ziele  hoch:  'grammatica  hebraea  est  ars  bene  loquendi
hebraice’  definierte  Helvicus  in  seiner  erwähnten  ‘compendiosa  institutio’,  und
Buxtorfs  "institutio  epistolaris  hebraica’  (1610)  ist  für  hebräische  Stilübungen
geschrieben.  Bedeutsam  für  die  Erkenntnis  der  Syntax  wurde  die  'philologia
sacra’  des  Salomon  Glassius  (}  1656).
Im  Verlauf  des  17.  Jahrhunderts  scheint  es  aber  mit  den  hebräischen
Studien  an  den  Schulen  vielfach  rückwärts  gegangen  zu  sein,  nach  den  Klagen
August  Hermann  Franckes  zu  schließen.  Noch  vor  den  wissenschaftlichen  Anregungen,
  die  von  Holland,  besonders  von  dem  Arabisten  Albert  Schultens
(F  1750)  ausgingen,  nahm  das  Hebräische  in  den  Schulen  durch  den  Pietismus
neuen  Aufschwung,  und  dessen  Einfluß  geht  zum  Teil  auf  Hamburg  zurück,
das  bezüglich  der  orientalischen  Wissenschaften  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts

1)  Vgl.  auch  das  Gespräch  zwischen  Präceptor  und  Filius  in  Wolfgang  Capitos  Isagoge
MGp  XXI,  8.  189f.,  die  Vorrede  zu  der  Christlichen  Unterweisung  von  Konrad  Sam,  MGy
XXU  S.  96,  und  des  Otto  Brunfels  Vorwort  zu  seiner  Catechesis,  ebenda  S.  881.