130  Carrtame:  Katholischer  Religionsunterricht.

zu  bauen.  Nun  ging  der  Religionsunterricht  zum  großen  Teile  aus  der  Kirche  in  die
Schule  über.  In  den  höheren  Schulen,  namentlich  der  Jesuiten,  die  ja  die  ganze
Zeit  beherrschten,  wurde  noch  keine  Zeit  für  den  Religionsunterricht  abgegeben,
sondern  es  blieb  hier  bei  der  hergebrachten  Sonntagnachmittagskstechese,  die
uoch  teilweise  durch  heilige  Lesung  ausgeftllt  wurde.  Für  den  KElementarunterricht
  dagegen  nahm  man  bald  allerorts  eigene  Religionsstunden  in  den
Unterricht  auf,  und  an  Stelle  der  bisherigen  Katechese  für  Kinder  in  der  Kirche
entstand  die  Christenlehre  für  Erwachsene  und  als  deren  passendste  Form  die
katechetische  Predigt.  Nun  war  Kontrolle  über  die  Unterrichtspflichtigen  möglich,
  und  während  früher  die  zur  Beaufsichtigung  der  Kirchenkatechumenen  in
den  einzelnen  Pfarreien  entstandenen  ‘Christenlehrbruderschaften’  sich  oft  genug
über  das  Ausbleiben  der  Christenlehrpflichtigen  beklagten,  und  einzelne  kirchliche
Verordnungen  sogar  die  Eltern  der  säumigen  Kinder  mit  Strafen  belegten,  war  jetzt
die  ganze  Unterrichtsleitung  in  die  Hand  des  Lehrers  gelegt.  Selbst  wo  durch
Staatsgesetze  der  Besuch  der  Katechese  vorgeschrieben  war,  wie  in  Bayern  und
Nassau,  mußte  die  Einführung  des  Religionsunterrichtes  in  die  Schule,  zumal
bei  dem  allweilig  eintretenden  Schulzwange,  von  besten  Folgen  sein,  zudem  da
die  alte  kirchliche  Katechese  noch  in  ihrem  Rechte  blieb  und  sich  vorzugsweise
an  die  suventus  provectior  wandte.

Nach  diesem  allgemeinen  Überblick,  der  den  sowohl  allen  niederen  wie  höheren
  Schulen  gemeinsamen  Gang  der  religiösen  Unterweisung  darlegt,  läßt  sich
nun  an  der  Hand  genauerer  Aufstellungen  die  Geschichte  des  neuern  religiösen
Unterrichtes  an  den  deutschen  höheren  Lehranstalten  verfolgen.

Die  höheren  Schulen.

Es  gab  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  allenthalben  in  unserem  Vaterlande
  eine  große  Anzahl  drei-,  fünf-  und  mehrklassiger,  sogenannter  kleiner
lateinischer  Schulen!)  Hierhin  war  eigener  Religionsunterricht  angesetzt,  und
selbst  das  Griechische  mußte  fortwährend  und  vorwiegend  der  Lektüre  des
Neuen  Testamentes  dienen.  Neben  diesen  kleinen  gab  es  große  Lateinschulen
oder  Gymnasien.  Das  Latein  spielte  hier  die  Hauptrolle  und  wurde  bis  zur
vollen  Sprachfertigkeit  und  selbst  bis  zur  Versmacherei  getrieben.  Das  Griechische
  beschäftigte  sich  mit  dem  Neuen  Testamente,  und  in  dem  Religionsunterricht
  wurde  jeder  Zweig  der  Theologie  angeschnitten  und  in  überreicher
'Weitschweifigkeit  behandelt.  Disputationen  über  das  Durchgenommene  waren
beliebt.  Da  diese  Schulen  hauptsächlich  für  eine  bestimmte  Berufsart,  die
Gymnasien  für  Theologen  und  Juristen,  arbeiteten,  suchten  die  anderen  Stände
durch  Gründung  von  Realschulen,  Ritterakademien  usw.  sich  für  den  Zuwachs

1)  Über  die  Jesuiten  und  ihre  Schultätigkeit  vgl.  die  Rezension  über  Pachtlers  Werk,
Jb.  1890.  I.  8.1,  2.  1887.  A.  8.8—  8.  Paulsen,  Gesch.  d.  gelehrten  Unterrichts.  Leipzig
.1885,  8.  261ff.  (2.  Aufl.  1896).  Vgl.  Richter,  Das  höhere  bürgerliche  Schulwesen  in  seiner
‚geschichtl.  Entwicklung  und  das  Referat  hierüber.  Jb.  1890.  I.  S.  10.  Ebenso  bezüglich
.des  Religionsunterrichtes  den  Artikel  im  Katholik  1825  “Über  den  Religionsunterricht  an
höheren  Bürgerschulen’,