Heutige  Schulen,  Religion  im  Mittelpunkte.  141

einseitige  Wissen  aufbläht,  und  nur  geordnete,  ehrlich  erworbene  Kenntnisse
den  Charakter  bilden,  ist  bei  allem  Unterrichtswerke  in  allen  Schularten  und
in  allen  ihren  Fächern  genau  auf  den  erzieherischen  Wert  ihrer  Unterrichtstätigkeit
  mit  zu  achten.  Und  das  wird  Pflichtmäßigkeit  allenthalben  bleiben:
ein  einmütiges  Zusammenwirken  aller  Schulkräfte  zur  Ausbildung  des  Geistes
wie  zur  Veredlung  des  Herzens.  Unsere  Schulen  sollen  Charaktere  bilden.
Dieses  Erziehungswerk  soll  auf  religiöser  Grundlage  beruhen.  Gerade  auf  die
Religion  laufen  die  Tausende  von  Einzelfäden  hin,  die  das  menschliche  Herz
mit  allem,  was  es  umgibt,  verbinden.  Geist  und  Gemüt  bleiben  kalt  ohne
den  Hauch  religiöser  Erziehung.  Für  ‘die  Christen  ist  die  Erziehung  ohne
Religion  nicht  denkbar.  Der  Mensch  hat  religiöse  Anlage;  unsere  Jugend  aber
soll  erzogen  werden,  also  soll  sie  christlich  zur  Religion  erzogen  werden.
Diese  Grundsätze  empfindet  und  predigt  das  katholische  Bewußtsein  allenthalben.!)


Religion  im  Mittelpunkte  der  Unterrichtsarbeit.

Soll  das  ganze  Leben  durch  die  Religion  geheiligt,  dann  soll  auch  der
ganze  Unterricht  von  der  Religion  getragen  werden.  Unsere  ganze  Zeit  und
Anschauung,  unsere  geschichtliche  Entwicklung  ist  christlich,  deshalb  soll  die
Religionslehre  die  Grundlage  aller  Erziehung  und  Kulturarbeit  bleiben.  Das
Christentum  ist  nach  katholischer  Anschauung  unvergänglich  und  unverdränglich.
Wohl  fußt  unsere  Kultur  auf  heidnischer,  speziell  griechisch-römischer  Vorarbeit,
  aber  wir  übernahmen  sie  aus  der  Hand  des  Christentums,  welches  sie
nicht  nur  erhielt,  sondern  in  seinem  Geiste  verklärte  und  idealisierte  So  soll
uns  gerade  die  religiöse  Erziehung  weiter  anleiten,  das  Altertum  zu  verstehen
und  richtig  zu  benutzen,  denn  das  Christentum  hat  das  Unmenschliche,  Unsittliche,
  Unwürdige  aus  dem  Heidentum  und  seinen  Anschauungen  verdrängt.
Trotz  dieser  warmen  Anerkennung,  die  ein  moderner  Schulmann  der  Kirche  und

Schrader,  Erziehungs-  und  Unterrichtslehre  für  Gymnasien  und  Realschulen.  4.  Aufl.  Berlin
1882,  S.  325.  Walter,  Der  katholische  Religionsunterricht  an  den  humanistischen  Gymnasien.
  Beitrag  zur  Didaktik  und  Methodik  '  desselben.  Regensburg  1893.  S.7.  MB.  V.
11.  12:  “Der  ethische  Bildungsinhalt  der  niederen  Gymnssialstudien’.

ı)  Über  die  Berechtigung  des  Religionsunterrichtes  an  den  höheren  Schulen,  vg].
Münch,  Geist  d.  L.  8.444.  Schiller,  8.  225  ff.  290.  292,  klagt  über  ‘die  zerstreuende  Art  des  Unterrichtes’
  überhaupt  und  betont  gerade  hier  die  Wichtigkeit  des  Religionsunterrichtes.  Er
beruft  sich  auf  die  in  Preußen  lange  festgehaltene  Forderung,  ‘daß  der  Religionsunterricht
  von  einem  Lehrer  erteilt  werde,  der  in  der  betreffenden  Klasse  auch  sonst  für  die  Erziehung
  einflußreichen  Unterricht  in  Händen  habe’.  “Also  überall,  wo  dies  irgendwo
geschehen  kann,  müßte  der  Religionsunterricht,  wenigstens  auf  den  oberen  Stufen,  in  denselben
  Händen  liegen  wie  der  deutsche  und  geschichtliche.’  Er  beklagt  allgemein,  daß  die
"(zunächst  evangelische)  Kirche  dies  nicht  unterstützt.  S.  225.  Alles  soll  auf  dem  Religionsunterricht
  beruhen,  und  die  Religion  soll  alles  umschweben.  Daher  soll  alles  nach  dem
Standpunkte  der  Religion  bewertet  werden.  Deshalb  ist  auf  der  oberen  Stufe  alles  heran-'zuziehen,
  was  die  alte  Philosophie,  die  Religionsphilosophie,  die  Literatur  an  Lebensidealen
und  Weltansichten  dem  Bewußtsein  des  Schülers  bereite  geliefert  hat.  Es  soll  nicht  dessen
Wertlosigkeit  gezeigt  werden,  sondern  daß  sie  in  der  christlichen  Lebens-.  und  Weltanschauung
  enthalten  sind,  und  daß  diese  sie  weiterbildet.  9.  290.  291.  Ähnlich  Grimmich.