160  Carırame:  Katholischer  Religionsunterricht,

zeit  dieses  Kampfobjekt  nicht  mehr  genügt  oder  zusagt,  oder  ob  die  Kampfhörner
  im  Kampfe  hier  abgestumpft  worden  sind,  genug,  eine  gewaltige  Heermasse
  der  Feinde  greift  heute  die  Moral  des  Christentums  an  und  will  an
Stelle  der  christlichen  Moral  eine  Vernunft-  und  Anstands-,  eine  konventionelle
oder  Allerweltsmoral  setzen,  oder  will  sich  bei  entfernten  heidnisch-pantheistischen
  Systemen  einen  Ersatz  für  die  unbeliebte  christliche  Moral  suchen.
Um  die  Dogmen  kümmert  man  sich  weniger,  denn  unser  Zeitalter  ist  praktisch.
So  ist  schon  die  Kenntnis  der  Moral  für  den  Abiturienten  Forderung  der  Allgemeinbildung,
  aber  auch  ein  sittliches  Erfordernis.  Die  Moral  muß  aus  den
Glaubensquellen  abgeleitet  und  durch  dieselben  begründet,  ihre  Vernünftigkeit
und  Erfüllbarkeit  muß  in  Einklang  mit  der  Vernunfterkenntnis  und  Erfahrung
gebracht  werden.  Das  Naturrechtliche  und  Menschenwürdige  der  christlichen
Moral  hebt  sich  dabei  von  selbst  genügend  hervor.  Gerade  hier  lassen  sich  die
herrlichsten  Vergleichungspunkte  mit  jeder  'vor-  und  nichtchristlichen  Moral
geben,  und  eben  diese  Vergleichung  stellt  die  Moral  der  Kirche  apologetisch
dar.  Christus  steht  als  das  Ideal  des  ganzen  Menschengeschlechtes,  als  Lehrer,
aber  auch  Vorbild  aller  wahren  Sittlichkeit  da;  um  ihn  herum  gruppieren  sich
die  Tausende,  die  in  seine  Fußstapfen  traten  und  in  der  Befolgung  seiner  Lehre
selig  geworden  sind.  Die  dem  Christentum  so  oft  vorgeworfene  Weltflucht  und
Weltentfremdung  ist  einerseits  nicht  unvernünftig,  andererseits  nicht  so  schroff,
wie  sie  dargestellt  wird.  Die  Lehre  Jesu  Christi  hat  die  Welt  erobert  und
erleuchtet,  aber  seine  Moral  hat  sie  umgestaltet.  Die  Weltanschauung  des
Christentums  verdrängt  alles  Menschenunwürdige.  Wo  kein  christlicher  Geist
herrscht,  kehrt  der  Geist  des  Heidentums  und  die  gottentfremdete  Anschauung
mit  allen  Greueln  zurück.  Beispiele  aus  der  Geschichte,  namentlich  aus  der
Kulturgeschichte,  belehren  dies  aufs  deutlichste.!)  Die  Moral  des  Alten  Testaments
  wird  heute  viel  beanstandet.  Der  Lehrer  zeige  die  Erhabenheit  derselben
und  ihren  Einklang  mit  dem  Neuen  Testamente;  aber  auch  ihre  Unvollkommenheit
  als  Verpflichtung  für  ein  erlösungsbedürftiges  Volk  und  als  Vorstufe  für
die  höhere  Moral  des  Christentums.  Wohl  steht  die  Moral  vieler,  die  Christus
kennen,  tief  unter  der  Moral  des  Juden-  und  Heidentums,  aber  wie  bedauerlich
dies  auch  ist,  es  beweist  nur,  daß  sie  keine  wahren  Christen  sind.

Bei  der  Moral  muß  der  Religionslehrer  Gelegenheit  nehmen,  die  modernen
praktischen  Fragen,  die  sozialen  Bestrebungen  und  Irrungen,  ihre  Berechtigungen
und  Auswüchse,  ihre  Möglichkeit  oder  Unerfüllbarkeit  vom  Standpunkte  der
Religion  zu  beleuchten.)  Auf  diese  Seite  des  religiösen  Unterrichtes  haben  bisı)

  Ohlert,  Die  deutsche  höhere  Schule.  Hannover  1896.  S.  144.  Vgl.  MB.  II.  5:  ‘Zur
Behandlung  der  Sittenlehre  auf  Prima’.  IV.  9,  10:  ‘Behandlung  der  Eigentumslehre  im
Religionsunterricht  an  höheren  Schulen’.  V.  11,  12:  ‘Die  Behandlung  der  sozialen  Frage  im
Religionsunterricht  an  höheren  Lehranstalten’.

9,  Vgl.  hierzu  “Über  volkswirtschaftliche  Belehrungen  im  Unterrichte  der  höheren  Schulen’
von  Dr.  E.  Moormeister.  Progr.  v.  Schlettstadt  1888/89.  Derselbe  Gedanke  wird  in  einer
allerh.  Order  vom  1./V.  1889  ausgedrückt.  Rethwisch,  Jahresbericht  1890.  S.  IL.  2.  Vgl.  die
Worte  des  Kaisers  in  d.  Kabinettsorder  betr.  d.  Organ.  d.  Kadettenkorps  über  den  Religionsunterricht
  bei  Uhlig  HG.  1890.  N.  1.  S.  12.