Ziel  und  Aufgabe.  171

In  jedem  anderen  Lande  und  bei  jedem  anderen  Kulturvolke,  das  nicht
durch  die  geringe  Verbreitung  seiner  Muttersprache  genötigt  ist,  ein  zweisprachiges
  Volk  zu  sein,  steht  der  Unterricht  in  der  Muttersprache  ganz  von
selbst  im  Mittelpunkt  der  Schule  und  bildet  das  natürliche  Zentrun,  das  dem
ganzen  Unterrichtssysteme  Einheit  und  Leben  verleiht  Nur  in  Deutschland
wird  dieser  ganz  natürliche  und  gesunde  Zustand  von  vielen  Seiten  bekämpft,
weil  hier  die  deutsche  Eigenbrödelei,  die  infolge  des  Fachsystemes  auch  in
unserem  höheren  Schulwesen  sehr  stark  zum  Ausdruck  kommt,  die  Geltendmachung
  großer  einheitlicher  Gesichtspunkte  fortgesetzt  hindert.  Jeder  Lehrer
möchte  am  liebsten  sein  eigenes  Fach  als  das  wichtigste  und  notwendigste  hinstellen,
  und  es  wird  hierbei  sehr  leicht  und  sehr  oft  vergessen,  daß  der  Unterricht
  in  der  Muttersprache  niemals  als  ein  bloßes  Fach  in  dem  üblichen  Sinne
angesehen  werden  darf,  sondern  daß  im  Grunde  jeder  Lehrer  am  Unterrichte
in  der  Muttersprache  in  jeder  seiner  Unterrichtsstunden  ernstlich  beteiligt  ist.

Daher  ist  die  Forderung,  daß  der  deutsche  Unterricht  den  beherrschenden
Mittelpunkt  unseres  gesamten  Unterrichtes  zu  bilden  hat,  auch  nicht  so  zu  verstehen,
  daß  ihm  die  höchste  Stundenzahl  gebühre,  wie  man  fälschlich  diese  berechtigte
  Forderung  verstanden  hat,!)  sondern  so,  daß  auch  der  griechische,
lateinische,  französische,  englische,  geschichtliche  und  naturwissenschaftlichmathematische
  Unterricht  im  letzten  Grunde  neben  seinem  besonderen  Zwecke
ganz  wesentlich  dem  großen  allgemeinen  Zwecke  alles  Unterrichts  zu  dienen
hat,  den  Schüler  zu  einem  höheren,  freieren  Standpunkte  innerhalb  seiner
Muttersprache,  zu  einer  tieferen  und  freieren  Beherrschung  seiner  deutschen
Sprache  und  Schrift  emporzuheben.  Kaiser  Wilhelm  II.  hat  dies  in  dem  bekannten,
  leider  oft  mißverstandenen  Worte  ausgesprochen,  daß  wir  in  unseren
Gymnasien  nicht  junge  Römer  und  Griechen,  sondern  junge  Deutsche  erziehen
sollen.  Das  ist  auch  der  Standpunkt,  den  Rudolf  Hildebrand?)  einnahm  und
den  die  von  mir  herausgegebene  Zeitschrift  für  den  deutschen  Unterricht?)  von
Anfang  an  vertreten  hat  und  heute  noch  zu  vertreten  leider  dringend  nötig  hat.

1)  So  z.B.  Wendt  in  seiner  ‘Didaktik  und  Methodik  des  deutschen  Unterrichtes  und
der  pbilosophischen  Propädeutik’,  München  1905,  2.  Auflage,  S.  2.

?)  So  namentlich  R.  Hildebrand,  Das  Deutsche  in  der  Schule  der  Zukunft  (ZDU.  V,
S.  1ff.),  wo  er  das  treffende  Wort  Hermann  Grimms  anführt:  “Unsere  Jugend  hat  bisher  von
Italien  und  Griechenland  aus  Deutschland  betrachtet,  sie  muß  von  Deutschland  aus  Italien
und  Griechenland  kennen  lernen.’

”)  Außer  R.Hildebrands  “Beiträgen  für  den  deutschen  Unterricht’,  die  bei  B.G.  Teubner
in  Leipzig  in  einer  Gesamtausgabe  erschienen  sind,  ist  für  jeden  Lehrer  des  Deutschen  seine
köstliche  Schrift:  “Vom  deutschen  Sprachunterrichte  in  der  Schule  und  von  deutscher  Erziehung
  und  Bildung  überhaupt’,  Leipzig  1905,  9.  Aufl.,  unentbehrlich.  In  der  von  mir
herausgegebenen  ‘Zeitschrift  für  den  deutschen  Unterricht’,  Leipzig  1887  ff.,  habe  ich  versucht,
  den  Hildebrandschen  Gedanken  Eingang  auch  in  die  höheren  Schulen  zu  verschaffen,
verwiesen  sei  hier  auf  meine  Aufsätze:  ‘Der  deutsche  Unterricht  auf  dem  Realgymnasium’,
ZDU.  VI,  708.  und  “Die  Ziele  des  deutschen  Unterrichts  in  unserem  Zeitalter’  (ZDU.  XII,
15  ff.,  Vortrag  gehalten  auf  der  44.  deutschen  Philologenversammlung),  die  meinen  Darlegungen
  hier  im  wesentlichen  zugrunde  liegen.  Hildebrands  Bestrebungen  werden  am
eingehendsten  dargelegt  von  Richard  Laube,  Rudolf  Hildebrand  und  seine  Schule.  Bahn-