172  Lyon:  Der  deutsche  Unterricht.

Wenn  Rudolf  Lehmann  in  seinem  schönen  Buche  über  den  deutschen
Unterricht!)  gegen  die  unten  angeführten  Aufsätze  von  Hildebrand  und  mir
Stellung  nimmt,  so  beruht  seine  übrigens  keineswegs  schroffe  Gegnerschaft  auf
einem  Mißverstärdnisse.  Gegen  die  geschichtliche  Grundlage  unseres  höheren
Schulwesens  haben  Hildebrand  und  ich  durchaus  nicht  gesprochen.  Den  fremden
Sprachen  gebührt  ein  größerer  Raum,  weil  sie  als  etwas  ganz  Neues  in  den
Gesichtskreis  des  Schülers  treten.?)  Wir  fordern  aber,  daB  der  Deutsche  unbedingt
  in  dem  Gedanken  zu  erziehen  ist,  daß  für  ihn  das  Deutsche  (das  Wort
nicht  nur  von  der  Sprache,  sondern  im  ganzen  Umfange  verstanden)  unter  allen
Umständen  das  Höchste  und  Herrlichste  ist,  dem  alle  anderen  Sprachen  und
Fächer  zu  dienen  haben,  daß  der  Schüler  mit  dem  klaren  und  stolzen  Bewußtsein
aufwächst:  Ich  bin  ein  Bürger  des  Deutschen  Reiches.  Die  Überschätzung  des  Erlernens
  fremder  Sprachen  ist  ein  Grundübel  in  unserem  Volke,  die  sich  nur
dadurch  erklären  läßt,  daß  sehr  vielen  Deutschen  das  Erlernen  fremder  Sprachen
schwerer  fallen  muß,  als  den  Engländern,  Amerikanern  und  Franzosen,  so  daß
bei  uns  ganz  fälschlicherweise  die  Kenntnis  fremder  Sprachen  allgemein  als  ein
schwer  zu  erwerbender  und  deshalb  besonders  stolzer  Besitz  betrachtet  wird.
Die  Schuld  daran  liegt  wohl  an  einer  gewissen  Schwerfälligkeit  des  deutschen
Wesens,  die  zu  übergroßer  Gründlichkeit  in  dem  allzu  grammatischen  Betriebe
unseres  fremdsprachlichen  Unterrichts  geführt  und  dadurch  das  Erlernen  der
Sprachen  ganz  unnötig  erschwert  hat.  Die  neueren  Methoden  werden  hier
hoffentlich  einen  Wandel  herbeiführen.

Stundenzahl  und  Lehrpläne.  Als  eine  angemessene  Stundenzahl  für
den  deutschen  Unterricht  müssen  in  den  Unterklassen  je  fünf  bis  sechs,  in  den  -
Mittel-  und  Oberklassen  je  vier  Stunden  bezeichnet  werden,  wobei  in  der  Prima
die  philosophische  Propädeutik  mit  in  den  deutschen  Unterricht  einzufügen  sein
dürfte.  Als  eine  ausreichende  Gesamtzahl  der  deutschen  Stunden  erscheinen  demnach
  für  eine  Vollanstalt  39—40,  für  eine  sechsstufige  Anstalt  27—30  Stunden.
Bei  Anstalten  mit  Latein  von  Sexta  aufwärts  kann  dem  deutschen  Unterrichte
in  den  Unterklassen  auch  eine  geringere  Stundenzahl  zugebilligt  werden,  da
der  recht  betriebene  lateinische  Anfangsunterricht  zum  guten  Teile  auch  ein
ganz  ausgezeichneter  deutscher  Unterricht  ist.  Niemals  aber  sollte  in  den  Mittelund
  Oberklassen  mit  den  deutschen  Stunden  gekargt  werden,  da  hier  die  Einführung
  in  die  Lektüre  und  in  den  gewandten  mündlichen  und  schriftlichen
Ausdruck  von  außerordentlicher  Bedeutung  ist.  In  dem  alt-  und  neusprachbrechend

  für  die  Stellung  des  Deutschen  im  Mittelpunkt  des  höheren  Schulunterrichtes  war
Friedrich  Paulsen,  der  in  seiner  “Geschichte  des  gelehrten  Unterrichts’  herrliche  Worte
über  den  deutschen  Unterricht  sprach,  die  jeder  Lehrer  des  Deutschen  dort  nachlesen  möge
(1.  Aufl.  1885,  2.  Aufl.  1896).

1)  R.  Lehmann,  Der  deutsche  Unterricht.  Eine  Methodik  für  höhere  Lehranstalten.
Berlin  1897.  2.  Aufl.

2,  Auch  der  deutsche  Unterricht  soll,  wo  es  sich  von  selbst  darbietet,  auf  fremdsprachliche
  Parallelerscheinungen  Rücksicht  nehmen  Vgl.  hierzu  Robert  Richter,  Deutsch  und
Griechisch  (ZDU.  VI,  521ff.),  Ernst  Regel,  Ein  Seitenblick  aufs  Englische  beim  deutschen
Unterricht  (ZDU.  VD,  30ff.).