Stundensahl  und  Lehrpläne.  177

tagenden  Konferenz!)  die  wahre  Freiheit  des  deutschen  Unterrichts  begründete.
Adolf  Matthias  nennt  mit  Recht  diesen  kaiserlichen  Erlaß  eine  ‘Magna  charta
libertatum  für  die  höheren  Schulen’.

Wir  möchten  jeden  Lehrer  des  Deutschen  nachdrücklich  auf  die  schönen
Worte  hinweisen,  die  Adolf  Matthias”)  am  25.  November  1904  in  der  Vereinigung
  für  staatswissenschaftliche  Fortbildung  in  Berlin  gesprochen  hat:  “Doch
nicht  nur  darin  liegt  die  politische  Bedeutung  der  Reform  von  1900,  daß
Preußen  in  Deutschland  damit  vorangeschritten  ist,  sondern  auch  darin,  daß
es  dem  deutschen  Geiste  breiteren  Spielraum  in  der  Schule  geschaffen
  hat  und  diejenigen  Schularten,  in  denen  das  Deutsche  als  Lehrgegenstand
  weiteren  Umfang  und  größere  Bedeutung  hat,  den  Lateinschulen
und  Lateinklassen  gleichwertig  zur  Seite  gestellt  hat.  ‘Dem  Gymnasium  fehlt
es  an  der  nationalen  Basis.  Wir  müssen  als  Grundlage  für  das  Gymnasium
das  Deutsche  nehmen;  wir  sollen  nationale  junge  Deutsche  erziehen  und  nicht
junge  Griechen  und  Römer’,  das  hatte  Kaiser  Wilhelm  im  Jahre  1890  als  eine
Aufgabe  der  Schulreform  bezeichnet  und  damit  an  Fichtes  großen  Gedanken
erinnert,  daß  eine  neue  deutsche  Erziehung  aus  dem  deutschen  Geiste  heraus
geboren  werden  müsse,  wenn  wir  stark  werden  wollten  auf  eigenem  Boden  und
—  das  dürfen  wir  heute  hinzusetzen  —  auf  dem  Meere  und  in  der  weiten  Welt,
wo  die  deutsche  Flagge  weht  und  deutsche  Männer  für  sich  und  die  Kraft  des
Heimatlandes  tätig  sind.  Wer  aufmerksam  die  Geistesentwicklung  unseres  Volkes
in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  beobachtet  hat,  wird  zugeben
müssen,  daß  der  deutsche  Unterricht  und  der  Unterricht  in  der  deutschen  Geschichte
  an  unseren  höheren  Schulen,  besonders  an  den  Gymnasien,  als  eine
Art  von  Aschenbrödel  dastand  und  daß  Lessings  beschämendes  Wort,  der  Charakter
  des  deutschen  Volkes  bestehe  darin,  keinen  Nationalcharakter  zu  haben,
an  vielen  Stellen  in  unseren  Schulen  zutraf.  Erst  mit  dem  Wachsen  der  Sehnsucht
  unseres  Volkes  nach  einheitlicher  Gestaltung  und  mit  der  Kräftigung  des
nationalen  Gedankens  wurde  man  sich  seiner  Schwächen  auch  im  Leben  der
Schule  bewußt.  Wer  vor  40  oder  50  Jahren  dem  Gedanken  Ausdruck  gab,
das  Deutsche  solle  der  Schwerpunkt  des  gesamten  Unterrichts  werden,  dem  begegneten
  die  offiziößsen  Verfechter  des  Gelehrtenideals  unserer  höheren  Schulen
mit  mitleidigem  Lächeln  als  einem  sonderbaren  Schwärmer  und  ließen  ihm  die
Abweisung  zuteil  werden,  er  fordere  von  diesem  Unterricht,  was  er  weder  leisten
könne  noch  solle.  Heute  haben  sich  die  Rollen  verschoben;  heute  stehen  diejenigen,
  die  nicht  von  der  hohen  Bedeutung  und  der  ersten  Rolle  des  deutschen
Unterrichts  überzeugt  sind,  als  Sonderlinge  da.  Denn  es  erscheint  einfach  als
eine  nationale  Pflicht  und  eine  pädagogische  Forderung  ersten  Ranges,  daß

ı)  Die  Verhandlungen  sind  in  einem  stattlichen  Bande  veröffentlicht  worden,  auf  den
hier  verwiesen  sei:  Verhandlungen  über  Fragen  des  höheren  Unterrichts,  Berlin,  6.—8.  Juni
1900,  Halle  1901.

»)  Adolf  Matthias,  Geheimer  Oberregierungsrat  und  vortragender  Rat  im  preußischen
  Kultusministerium,  Die  soziale  und  politische  Bedeutung  der  Schulreform  vom  Jahre
1900,  S.80f.  —  Der  Vortrag  ist  auch  nach  anderen  Seiten  hin  von  maßgebender  und  richtunggebender
  Bedeutung.

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