178  Lyon:  Der  deutsche  Unterricht.

unsere  Jugend  ein  Anrecht  darauf  hat,  in  das  Verständnis  ihrer  Muttersprache
und  deren  Geschichte,  in  des  eigenen  Volkes  Literatur  und  Geistesleben  eingeführt
  und  der  Pflege  heimischer  Empfindungen  und  vaterländischen  Sinnes
im  vollen  Umfange  teilhaftig  zu  werden.  Und  immer  mehr  gelangt  man  in
sachkundigen  Kreisen  zu  der  Überzeugung,  daß  dieser  Unterricht  unter  ernsteste
Gedankenarbeit  gesetzt  werden  muß,  nicht  aber  der  ästhetisierenden  Oberflächlichkeit
  und  Phrase  verfallen  darf,  daß  die  schwierigsten  Probleme  in  diesem
Unterrichte  die  wertvollsten  sind”?  Noch  vor  fünfzehn  Jahren  hätte  wohl  niemand
  für  möglich  gehalten,  daB  von  einer  maßgebenden  Persönlichkeit  in  einem
Unterrichtsministerium  so  herrliche  Worte  gesprochen  werden  könnten.  Mit
um  so  größerer  Freude  sind  die  Worte,  die  Adolf  Matthias  gesprochen  hat,
von  den  höheren  Schulen  Deutschlands  zu  begrüßen.  Möchten  sie  jedem  Lehrer
des  Deutschen  als  Leitstern  dienen.  Insbesondere  setzen  wir  unsere  Hoffnung
auf  die  jungen  Lehrer,  die  sich  wohl  ausnahmslos  mit  Begeisterung  auf  diesen
Standpunkt  stellen  werden.

Grammatik.  Über  den  deutschgrammatischen  Unterricht  ist  vielfach  lebhafter
  Streit  entbrannt.  Der  Standpunkt  Jakob  Grimms,  den  dieser  in  der
Vorrede  zu  seiner  ‘Deutschen  Grammatik’  (1.  Aufl.  S.  XT)  geltend  machte,  ist
heute  allgemein  überwunden.  Jakob  Grimm  selbst  hat  sein  schroffes  Urteil
später  wesentlich  eingeschränkt,  indem  er  es  nur  gegen  einen  verknöcherten
Elementarunterricht,  nicht  aber  gegen  vernünftige  Anwendung  deutscher  Grammatik
  in  höheren  Klassen  gerichtet  wissen  wollte  (Vorrede  zur  2.  Aufl.  seiner
Grammatik,  S.  XVII).  Rudolf  von  Raumer  hat  in  seiner  Abhandlung  ‘Der
Unterricht  im  Deutschen?!)  die  Anschauung  J.  Grimms  siegreich  widerlegt.
Man  kann  auch  heute  noch  Raumers  Grundsätzen  in  bezug  auf  die  deutsche
Grammatik  völlig  zustimmen  ?):  ‘Sie  soll  nämlich  erstens  zur  Erlernung  und
richtigen  Handhabung  der  hochdeutschen  Schriftsprache  dienen,  und  sie  soll
zweitens  die  Anfänge  einer  wissenschaftlichen  Behandlung  der  deutschen  Sprache
selbst  geben.  In  der  ersten  Beziehung  ist  ihre  Aufgabe  eine  ähnliche  wie  in
der  Volksschule,  in  der  zweiten  eine  Hinüberleitung  zur  Universität.  Darin
liegt  nun  schon,  daß  die  erstere  Aufgabe  der  deutschen  Grammatik  vorzugsweise
  der  unteren  Hälfte  des  Gymnasiums  zufallen  wird,  die  zweite  der  oberen.’
Damit  ist  auch  der  Standpunkt  Philipp  Wackernagels  berichtigt,  der  im
4.  Teile  seines  deutschen  Lesebuches,  Stuttgart  1845,  in  seiner  Abhandlung
‘Vom  Unterricht  in  der  Muttersprache’  verlangte,  daß  die  Kinder  ihr  Deutsch
nur  in  der  Sprache  der  Eltern  und  anderer  Erwachsener  lernen  sollten.

Die  preußischen  Lehrpläne  von  1901  haben  in  bezug  auf  die  Grammatik
den  rechten  Mittelweg  gefunden,  wenn  sie  sagen:  “Die  grammatische  Unterweisung
  in  der  Muttersprache  hat  die  Aufgabe,  dem  Schüler  einen  sicheren
Maßstab  für  die  Beurteilung  des  eigenen  und  fremden  Ausdrucks  zu  bieten,  ihn

ı)  In  Karl  ron  Raumers  Geschichte  der  Pädagogik  III,  90ff.

n)  A.a.0.  S.  211.  —  Auf  dem  Standpunkte,  daß  der  deutsche  Unterricht  auf  einer
streng  wissenschaftlichen  und  formalen  Grundlage  ruhen  müsse,  steht  auch  der  heute  noch
keineswegs  veraltete  Lass  in  seiner  Schrift  “Der  deutsche  Unterricht’.