Grammatik,  Rechtschreibung  und  Zeichensetzung.  179

auch  noch  später  in  Fällen  des  Zweifels  zu  leiten  und  ihm  einen  Einblick  in
die  Eigenart  und  die  Entwickelung  seiner  Muttersprache  zu  geben.  Diese
Unterweisung  hat  sich  aber  auf  das  Notwendigste  zu  beschränken,  sich  immer
an  bestimmte  und  mustergültige  Beispiele  anzulehnen  und  die  grammatischen
Kenntnisse  früherer  Stufen  so  zu  wiederholen,  daß  Neues  und  Schwieriges  sich
in  erweiternden  Kreisen  an  früher  erworbene  Kenntnisse  anknüpft  und  ein  zusammenhängender
  Überblick  gewonnen  wird.  Die  Behandlung  der  deutschen
Grammatik  wie  die  einer  Fremdsprache  ist  zu  verwerfen.’!)

Vor  allem  hüte  man  sich  vor  der  Meinung,  als  ob  im  deutschen  Unterrichte
  alle  Anstrengung  zu  vermeiden  und  immer  nur  durch  gelegentliche  Bemerkungen
  anzuregen  sei.  Der  Unterricht  soll  anregend  sein,  er  soll  aber
niemals  aus  bloßen  Auregungen  bestehen,  vielmehr  ist  auf  einen  strengen,
lückenlos  vorwärts  schreitenden  Lehrgang  auch  in  der  deutschen  Grammatik  zu
dringen.  Der  Schüler  erhält  dadurch  das  Gefühl  des  sicheren  und  klaren  Vorwärtsschreitens,
  das  Bewußtsein,  daß  er  sich  in  lebendiger  Tätigkeit  von  Woche
zu  Woche  immer  wieder  neue  Provinzen  im  Gebiete  der  deutschen  Sprache
erobert,  und  die  wachsende  freie  Beherrschung  seiner  Muttersprache  auf  sicherem
Grunde  gibt  ihm  eine  Lebendigkeit  und  Freudigkeit  auch  bei  schwierigeren
Kapiteln,  die  durch  bloßes  Anregen  und  gelegentliche  Ausblicke  niemals  erzielt
wird.  Mit  vollem  Recht  sagt  Wilmanns  einmal:  “Die  Auflösung  in  gelegentliche
  Bemerkungen  ist  überhaupt  das  Grundübel  unseres  deutschen  Unterrichts.’?)


Wer  der  Meinung  ist,  daß  der  Unterricht  in  der  deutschen  Grammatik
langweilig  und  trocken  sei,  von  dem  kann  man  wohl  annehmen,  daß  er  niemals
  einen  nach  modernen  Grundsätzen  erteilten  grammatischen  Unterricht  erhalten
  hat.  In  diesem  herrscht  vielmehr  ein  Leben  in  der  Klasse,  wie  man  es
sich  schöner  und  förderlicher  für  den  Unterricht  nicht  wünschen  kann.  Selbstverständlich
  muß  der  grammatieche  Unterricht  von  Anfang  an  auf  der  wissen-,

  Als  Schulbücher  für  den  grammatischen  Unterricht,  die  diesen  Forderungen  und
Gesichtspunkten  gerecht  werden,  seien  hier  vermerkt:  Adolf  Matthias,  Hilfsbuch  für  den
deutschen  Unterricht  auf  den  drei  unteren  Stufen  höherer  Lehranstalten.  Düsseldorf  1902.
—  W.  Wilmanns,  Deutsche  Schulgrammatik  nebst  Regeln  und  Wörterverzeichnis  für  die
deutsche  Rechtschreibung  nach  amtlicher  Festsetzung.  Berlin  1908  (2  Teile).  —  O.  Lyon,
Handbuch  der  deutschen  Sprache  für  höhere  Schulen.  Leipzig  1905,  9.  Aufl.  (2  Teile,  Ausgabe
  A,  B,  Ausgabe  C  von  Dr.  Polack  für  Seminare,  Ausgabe  D  von  Dr.  Scheel  für
preußische  Schulen  bearbeitet).  —  Für  den  Lehrer  sind  bestimmt:  Wilmanns,  Deutsche
Grammatik.  Gotisch,  Alt-,  Mittel-  und  Neuhochdeutsch.  Straßburg,  Trübner  1897  ff.  3  Abteilungen;
  Hermann  Wunderlich,  Der  deutsche  Satzbau,  Stuttgart  1901,  2.  Aufl.;  Oskar
Erdmann,  Grundzüge  der  deutschen  Syntax  nach  ihrer  geschichtlichen  Entwickelung,  2  Bde.
Stuttgart,  1.  Bd.  1886,  2.  Bd.  von  Dr.  O.  Mensing  1899;  Heyse,  Deutsche  Grammatik,
neubearbeitet  von  O.  Lyon,  Hannover  1900,  26.  Aufl.;  August  Engelien,  Grammatik  der
neuhochdeutschen  Sprache,  herausgeg.  von  Dr.  Hermann  Jantzen,  Berlin  1902;  Blatz,
Neuhochdeutsche  Grammatik,  Karlsruhe  1900;  L.  Sütterlin,  Die  deutsche  Sprache  der
Gegenwart.  Ein  Handbuch  für  Lehrer,  Studierende  und  Lehrerbildungsanstalten.  Auf
sprachwissenschaftlicher  Grundlage  dargestellt.  Leipzig,  Vogtländer  1900.

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