180  Lyon:  Der  deutsche  Unterricht.

schaftlichen  Grundlage  der  historischen  Grammatik  ruhen.  Es  müssen  daher
Sprachgeschichte,  Bedeutungswandel,  die  lebendige  Sprache  der  Gegenwart  in
der  Literatur  und  im  Volke,  der  Sprachgebrauch  und  seine  Schwankungen,
Mundarten  und  Volkskunde  auch  in  Sexta  schon  und  in  entsprechender  Steigerung
  durch  alle  Klassenstufen  hindurch  in  den  deutschen  Sprachunterricht
mit  einbezogen  werden.')

In  Sexta  sind  die  Wörterklassen  und  Redeteile,  die  starke  und  schwache
Deklination  und  Konjugation,  der  einfache  Satz,  die  Hauptsatzteile:  Subjekt,
Prädikat,  Objekt,  Attribut,  Adverbialbestimmung  und  deren  Darstellung  durch
verschiedene  Wörterklassen  zu  besprechen.  Rechtschreibeübungen  und  Zeichensetzung
  sind  in  entsprechender  Weise  anzuschließen.  Für  die  Rechtschreibung
ist  das  für  das  Deutsche  Reich,  die  Schweiz  und  Österreich  durch  die  im
Juni  1901  vom  Staatssekretär  Graf  von  Posadowsky  einberufene  und  unter  dem
Minister  Dr.  Studt  in  Berlin  tagende  Konferenz  von  Regierungsvertretern  festgesetzte
  Regel-  und  Wörterverzeichnis  maßgebend.?)  Man  beachte  hier  hauptsächlich
  die  Regel,  daß  der  Anfangsbuchstabe  eines  Wortes  in  Zweifelsfällen
klein  zu  schreiben  ist.  Leider  wird  diese  Regel  in  der  Schulpraxis  viel  zu
wenig  angewendet.  Weiß  man  also  nicht,  ob  man  besser  schreibe:  “heute
Abend’  oder  ‘heute  abend’,  so  hat  man,  da  es  ein  Zweifelsfall  ist,  den  kleinen
Anfangsbuchstaben  zu  wählen  und  schreibe:  “heute  abend’.  Nach  dem  Geiste
der  neuen  Bestimmungen  darf  dies  kein  Lehrer  als  Fehler  anstreichen  und  so
in  hundert  anderen  Fällen.  Die  Beseitigung  der  unnötigen  großen  Anfangsbuchstaben
  wird  so  in  ganz  naturgemäßer  Weise  allmählich  herbeigeführt  werden,
  und  dieser  alte  Zopf  unserer  Sprache,  den  lediglich  zufälliger  Buchschmuck
herbeigeführt  hat,  wird  endlich  einmal  fallen.  Verbunden  wird  damit  sein  die
Rückkehr  zum  ausschließlichen  Gebrauche  der  Antiquaschrif.  Die  Frakturschrift
  ist  ohnehin  nur  ein  Hemmnis  für  die  Weltherrschaft  der  deutschen
Sprache  und  damit  für  die  Weltstellung  des  Deutschen  Reiches.  Die  Doppelschreibungen
  sollte  man  ruhig  bis  zu  einer  neuen  Einigung  in  den  Wörterverzeichnissen
  stehen  lassen.  Sie  sind  ein  Zeugnis,  daß  unsere  Sprache  eine

1)  Empfohlen  sei  hier  W.  Münch,  Ein  Blick  in  das  Leben  der  Muttersprache  als  Bedürfnis
  des  deutschen  Unterrichts  (ursprünglich  in  der  Zeitschrift  für  den  deutschen  Unterricht
  erschienen,  nun  auch  in  Münchs  Vermischte  Aufsätze  über  Unterrichtsziele  und  Unterrichtsekunst,
  Berlin  1896,  aufgenommen,  die  hier  gleichfalls  nachdrücklich  empfohlen  seien).
—  Als  wissenschaftliche  Grundlage  für  den  deutschen  Unterricht  ist  unentbehrlich:  H.  Paul,
Grundriß  der  germanischen  Philologie,  3  Bände,  2.  Aufl.  Straßburg,  Trübner,  1900  ff.  —  Zur
Belebung  des  Unterrichtes  und  zur  Einführung  in  die  Sprachgeschichte  dienen:  O.  Behaghel,
Die  deutsche  Sprache,  Leipzig  u.  Prag,  3.  Aufl.  1904;  O.  Weise,  Unsere  Muttersprache,
5.  Aufl,  Leipzig  1902;  Albert  Waag,  Bedeutungsentwickelung  unseres  Wortschatzes,  auf
Grund  von  Hermann  Pauls  Wörterbuch  in  den  Haupterscheinungen  dargestellt;  Franz
Harder,  Werden  und  Wachsen  unserer  Wörter,  Berlin  1896;  Edwin  Wilke,  Deutsche
Wortkunde,  Leipzig  19056;  Karl  Müller-Fraureuth,  Aus  der  Welt  der  Wörter,  Halle
1904;  Edwin  Wilke,  Schriftdeutsch  und  Volkssprache,  Leipzig  1903.

)  Es  sei  auf  die  amtlichen  Regel-  und  Wörterverzeichnisse  der  einzelnen  deutschen
Staaten  verwiesen.  Von  größeren  Wörterbüchern  seien  die  von  Duden,  Theodor  Matthias

  und  Karl  Erbe  empfohlen.