Grammatik,  Rechtschreibung  und  Zeichensetzung.  181

lebende  ist.  Und  der  Schüler  muß  frühzeitig  zu  der  lebendigen  Anschauung
geführt  werden,  daß  in  allen  lebenden  Sprachen  häufig  zweierlei  richtig  sein  kann
und  sein  muß  und  daß  daher  die  sprach-  und  schreibrichtige  Schwankung
geradezu  das  Kennzeichen  des  noch  vorhandenen  Sprachlebens  ist.  Unsere  Sprache
darf  nicht  nach  dem  Muster  toter  Sprachen  geregelt  werden,  sondern  im  Gegensatz
zu  diesen  muß  der  Begriff  der  steten  Entwickelung,  des  fortgesetzten  Werdens
und  Wachsens  der  lebenden  Sprache  so  tief  als  möglich  in  die  jungen  Geister
gepflanzt  werden,  damit  die  Gefahr  übertriebener  schulmeisterlicher  Regelung
von  unserer  herrlichen  Sprache  abgewehrt  werde.!)

In  bezug  auf  die  Interpunktionslehre  bestehen  gleichfalls  für  die  meisten
Staaten  amtliche  Bestimmungen,  die  häufig  mit  den  Regel-  und  Wörterverzeichnissen
  verbunden,  zuweilen  auch  gesondert  erschienen  sind.  Außerdem  sind
in  den  meisten  grammatischen  Schul-  und  Handbüchern  Abschnitte  über  die
Interpunktionslehre  enthalten,  so  daß  es  an  guten  Beratern  auf  diesem  Gebiete
nicht  fehlt.  Im  ganzen  herrschen  hier  heute  noch  die  einst  von  Heyse  aufgestellten
  Grundsätze.  Besonders  eingehend  erörtern  die  Gesetze  der  Zeichensetzung
  Glöde  in  seiner  Interpunktionslehre  (Leipzig,  Teubner,  2.  Aufl.  1904)
und  A.  Elster  in  seinem  “Methodischen  Leitfaden  der  deutschen  Interpunktionslehre’
  (Magdeburg,  Creutz  1900).

In  Quinta  wird  der  einfach  erweiterte  Satz  und  der  zusammengesetzte  Satz
in  seinen  einfachsten  Formen  behandelt  (Satzverbindung,  Relativsatz  u.  ähnl.)
und  die  Zeichensetzung  entsprechend  fortgeführt.  Die  Schwankungen  im  Sprachgebrauch
  müssen  hier  bereits  überall  betont  und  behandelt  werden,  sowie  alle
Unregelmäßigkeiten  in  der  Formenlehre  und  Flexion.  Einfache  Vorgänge  aus
der  Wortbildung  (Zusammensetzung,  Ableitung)  sind  zu  behandeln.  Das  Diktat
ist  in  den  unteren  Klassen  nicht  zu  entbehren.  Ebenso  sollte  die  schriftliche
Nacherzählung  geübt  werden.

In  Quarta  wird  das  Satzgefüge  gründlich  und  nach  allen  Seiten  hin  behandelt.
  Die  Lehre  von  der  Zeichensetzung,  die  organisch  aus  der  Satzlehre
erwachsen  muß,  kommt  hier  zum  Abschluß,  die  Rechtschreibeübungen  werden
mit  der  freieren  Wiedergabe  gelesener  Stücke  oder  kleinen  Wiedererzählungen
verbunden.

In  Untertertia  werden  die  Unregelmäßigkeiten  und  Schwankungen  auf
allen  Gebieten  der  Sprachlehre  und  des  Sprachgebrauches  ausführlich  besprochen.?)

1)  De  ich  Mitglied  der  Junikonferenz  im  Jahre  1901  in  Berlin  war,  kann  ich  sagen,
daß  die  Beseitigung  der  Doppelschreibungen  für  die  Schule  nicht  den  Beschlüssen  der  Konferenz
  entspricht.  Jede  Schule  kann  ja,  ganz  wie  es  ihr  behagt,  die  Doppelschreibungen
der  Verzeichnisse,  die  nach  meinem  Empfinden  zurzeit  noch  bestehen  bleiben  müssen,
unwirksam  ınachen,  wenn  sie  anordnet:  ‘Die  in  Klammern  gesetzten  Schreibungen  werden
in  unserer  Schule  nicht  angewendet.”  In  bezug  auf  die  Stellung  Sachsens  in  dieser  Frage
bin  ich  jedoch  der  Meinung,  daß  Sachsen  hier  in  jedem  Falle  mit  Preußen  Hand  in  Hand
gehen  muß.  Sarrazins  ‘Einheitsschreibung’  war  ein  zu  frühzeitiger  Vorstoß,  obwohl  im
ganzen  tüchtig  und  gut.

7)  Empfohlen  sei  hier  vor  allem:  Theodor  Matthias,  Sprachleben  und  Sprachschäden.
  Ein  Führer  durch  die  Schwankungen  und  Schwierigkeiten  des  deutschen  Sprach-