182  Lyon:  Der  deutsche  Unterricht.

Die  gesamte  Formen-,  Flexions-  und  Satzlehre  ist  durch  eine  gründliche  Wiederholung
  und  Zusammenfassung  zu  vertiefen,  die  Wortbildungslehre  zu  erweitern.
In  Obertertia  ist  die  Wortbildungslehre  nach  ihren  bedeutungsvollsten  Kapiteln
  durchzunehmen,  Lautverschiebung,  Ablaut,  Umlaut,  Brechung,  Komposition
  und  Ableitung  sind  in  einfacher  klarer  Weise  unter  Hinzunahme  schlagender
  Beispiele  zum  Verständnis  zu  bringen.

Von  Untersekunda  bis  Oberprima  ist  die  Grammatik  auf  sprachgeschichtlicher
  Grundlage  zu  entwickeln  und  in  ihren  wichtigsten  Teilen  in  einfacher
Behandlung  darzulegen.  Besondere  Grammatikstunden  sind  hier  nicht  mehr
nötig,  die  Einführung  geschieht  bei  Gelegenheit  der  Literatur-  und  Sprachgeschichte,
  der  Lektüre  und  der  Aufsatzbesprechung.

Sprachgeschichte  und  Wortbildungslehre  Hand  in  Hand  mit  der
grammatischen  Unterweisung  geht  die  Darstellung  der  Sprachgeschichte  und
Wortbildungslehre.  In  den  unteren  Klassen  ist  an  ausgewählten  Beispielen  aus
dem  Wortschatze  die  Eintwickelung  verschiedener  sprachlicher  Erscheinungen
zu  zeigen.  Der  Bedeutungswechsel  der  Wörter  ist  auf  diese  Weise  gelegentlich
  darzulegen,  das  Wesen  der  Analogiebildung  an  dem  Übertritt  gewisser
Wörter  aus  der  schwachen  in  die  starke  Form  (preisen,  weisen  u.  a.)  oder  umgekehrt
  (winken,  bellen  u.  a.)  aufzuhellen,  die  Bedeutung  der  Kontaminationen
und  Mischbildungen  an  Wörtern  wie:  zu  guter  Letzt  (statt  Letze,  d.  i.  Labung),
einstmals  (statt  eines  Males,  wie  Uhland  wieder  zu  schreiben  pflegte)  u.  a.  zu
zeigen,  oder  an  Formen  wie:  salzen,  salzte,  gesalzen;  mahlen,  mahlte,  gemahlen;
frage,  frug,  gefragt  u.  ähnl.,  wo  sich  schwache  und  starke  Form  vermischt
haben.  Überall  ist  darauf  hinzuarbeiten,  daß  der  kleinliche  Standpunkt,  dem
die  Sprache  als  etwas  willkürlich  Gemachtes  und  daher  nach  unserem  Gutdünken
  zu  Regelndes  erscheint,  niemals  in  den  jungen  Geistern  zur  Herrschaft
gelange,  sondern  daß  sie  die  Sprache  als  etwas  natürlich  Erwachsenes  und  allmählich
  Gewordenes  betrachten  lernen,  das  zwar  durch  den  denkenden  Geist
unter  Berücksichtigung  des  Sprachgeistes  und  des  Sprachgebrauches  in  zarter
und  vorsichtiger  Weise  veredelt  und  weiterentwickelt  werden  kann,  das  aber
durch  jeden  gewaltsamen  Eingriff  und  namentlich  durch  künstliche  Regelung
nur  Schaden  erleidet.  Der  Umstand,  daß  bei  dem  Betriebe  toter  Sprachen  der
Sprachgebrauch  bestimmter  hervorragender  Schriftsteller  als  Regel  und  Richtschnur
  zugrunde  gelegt  werden  muß,  weil  hier  kein  lebendes  Volk  mehr  entscheiden
  kann,  hat  vielfach  dazu  geführt,  dieses  Verfahren  auch  auf  die  Behandlung
  der  deutschen  Sprache  zu  übertragen.  Dadurch  haben  sich  zum  Teil
ganz  unrichtige  Anschauungen  über  Leben  und  Wesen  der  Sprache  unter  den
Gebildeten  festgesetzt,  und  es  ist  Pflicht  der  Schule,  die  angeführten  falschen
Sprachanschauungen  schon  bei  der  Jugend  zu  berichtigen  und  so  allmählich

gebrauchs.  Leipzig  1897”.  —  Wegen  seines  frischen,  lebendigen  Tones  gut  zu  lesen  ist
G.  Wustmann,  Allerhand  Sprachdummhbeiten,  3.  Auflage,  Leipzig  1908,  ferner  Otto
Schröder,  Vom  papiernen  Stil,  5.  Aufl.,  Leipzig  1902.  —  Für  die  Hand  des  Schülers
wähle  man:  Theodor  Matthias,  Kleiner  Wegweiser  durch  die  Schwierigkeiten  und
Schwankungen  des  Sprachgebrauchs,  2.  Aufl.,  Leipzig  1899.