Sprachgsschichte  und  Wortbildungslehre.  183

auch  unter  den  Erwachsenen  zu  verbreiten.  Hierzu  wird  vor  allem  die  Sprachgeschichte
  dienen,  und  es  wird  daher  gut  sein,  wenn  in  den  oberen  Klassen,
am  besten  wohl  in  Obersekunda,  eine  zusammenhängende,  natürlich  ganz  einfache
  und  durch  klare  Beispiele  verdeutlichte  Darstellung  der  Sprachgeschichte
gegeben  wird.  Als  ein  empfehlenswerter  Abriß  sei  hier  der  Aufsatz  des  Rektors
des  königlichen  Karolagymnasiums  in  Leipzig  genannt,  den  dieser  in  der  Zeitschrift
  für  den  deutschen  Unterricht  veröffentlicht  hat:  Paul  Vogel,  Sprachgeschichtliches
  im  deutschen  Unterricht  der  Obersekunda  (ZDU.  XVII,  S.  153  ff.).')

Um  Mißverständnissen  zu  begegnen,  will  ich  ausdrücklich  betonen,  daß
eine  strenge  grammatische  und  sprachlich-stilistische  Schulung  unerläßlich
ist,  da  ja  unsere  Schriftsprache  auf  grammatischer  Regelung  beruht  und
ein  künstliches  Gebäude  ist,  das  von  jedem  sorgfältig  erlernt  und  geübt
werden  muß,  wenn  er  zu  einiger  Fertigkeit  und  Gewandtheit  darin  gelangen
  will.  Aber  man  soll  das  eine  tun  und  das  andere  nicht  lassen.  Neben
der  gesetzgebenden  soll  man  vor  allen  Dingen  auch  der  historischen  Grammatik?)
  Tür  und  Tor  in  unseren  Schulen  weit  öffnen.  Frisches  Blut  aus  germanistischen
  Studium,  das  ist's,  was  unserem  deutschen  Unterrichte  dringend
not  tut.  Die  geschichtliche  Betrachtung  allein  führt  uns  in  das  wahre  Leben
der  Sprache  ein  und  kann  den  Schüler  nach  und  nach  dazu  bringen,  die  lebendige
  deutsche  Sprache  in  vollendeter  Weise  zu  handhaben.

Diesem  Ziele  wird  vor  allem  die  richtig  geleitete  Besprechung  der  bereits
kurz  erwähnten  Schwankungen  im  Sprachgebrauche  dienen.  Durch  den
jahrhundertelangen  Betrieb  des  Lateinischen,  das  als  tote  Sprache  eine  ganz
sichere  grammatische  Regelung  und  einen  feststehenden  Sprachgebrauch  zeigt,
weil  man  als  Muster  einfach  einige  wenige,  als  Vertreter  der  Klassizität  geltende
Autoren  aufgestellt  hat,  hat  sich  unter  unseren  Gebildeten  allmählich  eine
falsche  Auffassung  von  dem  Wesen  und  Leben  der  Sprache  festgesetzt.  Man
meint,  daß  in  sprachlichen  Dingen  immer  nur  die  eine  Form,  die  eine  Wendung
  richtig  sei,  während  jede  andere,  die  neben  diese  als  gleichberechtigt
treten  möchte,  als  falsch  zurückgewiesen  werden  müsse.  Von  der  lateinischen
Gramraatik  her  ist  man  es  so  gewöhnt;  denn  auch  die  Ausnahmen  beruhen  ja
hier  auf  sicherer  Regel,  indem  für  ihre  Berechtigung  der  Sprachgebrauch  der
als  klassisch  anerkannten  Autoren  maßgebend  ist.  Infolge  dieses  Jahrhunderte
alten  Verfahrens,  das  beim  Betrieb  des  Lateinischen  durchaus  gerechtfertigt  ist,
das  man  aber  nun  nicht  noch  einmal  beim  deutschen  Unterrichte  wiederholen
soll,  hat  man  sich  gewöhnt,  auch  die  Muttersprache  wie  eine  tote  Sprache  zu
betrachten  und  nach  oftmals  veralteten  grammatischen  Regeln  Ausdrücke  und
Wendungen  zu  verwerfen,  deren  Vordringen  gerade  die  ungebrochene  Lebenskraft
  unserer  Sprache  bekundet.

1!)  Empfohlen  sei  warm:  Friedrich  Kluge,  Zeitschrift  für  deutsche  Wortforschung,
Straßburg  1901  ff.  Unentbehrliche  Nachschlugewerke  sind  außer  dem  Grimmschen  Deutschen
Wörterbuche  die  Wörterbücher  von  H.  Paul,  F.  Kluge  und  M.  Heyne.

*,  Vgl.  Lyon,  Historische  und  gesetzgebende  Grammatik.  Programm  des  Annen-Realgymnasiums
  zu  Dresden  1890.