184  Lrox:  Der  deutsche  Unterricht.

Die  lebende  Sprache  verändert  sich,  neue  Keime  sprossen  in  ihr  empor,
das  Alte  stirbt  ab,  und  viele  setzen  heute  ihre  Sprache  zu  einem  nicht  unbeträchtlichen
  Teile  aus  verdorrten  Zweigen  zusammen,  die  sich  am  grünen  Baum
der  lebendigen  Sprache  noch  befinden.  Gerade  das  Beste,  was  das  fortgesetzte
Leben  der  Sprache  bekundet,  die  jungen  Keime  und  Triebe,  verwerfen  die  Anhänger
  jener  falschen  Sprachanschauung.  Das  Recht  der  lebendigen  Sprache
kommt  vor  allem  in  den  Schwankungen  zur  Geltung.  Solange  eine  Sprache
lebendig  ist,  wird  es  stets  in  ihr  einen  Zeitpunkt  geben,  wo  eine  alte  Wendung,
die  bisher  für  die  allein  richtige  galt,  mit  einer  neuen,  die  bisher  als  Sprachfehler
  galt,  kämpft,  bis  endlich  die  alte  vollständig  erliegt  und  die  neue  die
alleinige  Herrschaft  erlangt.  Es  muß  also  für  viele  Schwankungen  einen  Zeitpunkt
  geben,  wo  sowohl  die  alte  als  auch  die  neue  Wendung  gleichberechtigt
erscheinen  und  wo  demnach  beide  als  sprachrichtig  erklärt  werden  müssen,
wenn  wir  nicht  die  freie  Entwickelung  hemmen  und  damit  das  Leben  der
Sprache  stören  und  unterdrücken  wollen.  Daher  müssen  wir  auch  in  die  Schulgrammatik
  den  Begriff  der  sprachrichtigen  Schwankung  einführen  und  die
Schüler  schon  in  den  mittleren  Klassen  belehren,  daß  in  der  lebendigen  Sprache,
im  Gegensatz  zur  schematisierten  toten  Sprache,  sehr  oft  zweierlei,  ja
vierer-  und  fünferlei  gleich  richtig  sein  kann.  Ursprünglich  ist  es  ja  unbedingt
  nötig,  dem  Schtiler  scharfe  und  bestimmte  Regeln  zu  geben,  und  zum
Zweck  der  sprachlichen  Schulung  ist  es  unerläßlich,  daß  diese  Regeln  anfangs
streng  gehandhabt  und  sorgfältig  geübt  werden  müssen.  Nur  so  ist  es  möglich,
  daß  der  Schüler  nach  und  nach  zur  freien  und  sicheren  Beherrschung
seiner  Muttersprache  gelange..  Wer  keine  Fingerübungen  gemacht  hat,  wird
nie  ein  Virtuos  werden.  Aber  wir  dürfen  nicht  ewig  bei  den  Fingerübungen
stehen  bleiben.  Wir  müssen  schon  die  Übungsbeispiele  zur  Grammatik  wirklichen
  Dichtungen  und  lebendigen  Lesestücken  entnehmen,  nicht  etwa  ad  hoc
zugestutzte  und  fabrizierte  Beispiele  geben.  Schon  da  wird  der  Schüler  erkennen,
  wie  arm  die  Regel  und  wie  reich  das  Leben  ist.

Vor  allen  Dingen  dürfen  in  den  Lesebüchern  die  unseren  Dichtern  und
groBen  Schriftstellern  entlehnten  Stücke  nicht  ohne  weiteres  nach  willkürlichen
grammatischen  Regeln  zugestutzt  und  dem  Quartaner  oder  Tertianer  mundgerecht
  gemacht  werden.  Ganz  zu  verwerfen  ist  es,  wenn  hier  die  Verirrung
schon  so  weit  gegangen  ist,  daß  Verfasser  von  Lesebüchern  sämtliche  Lesestücke
  darin  selbst  geschrieben  haben,  um  alle  Widersprüche  mit  den  grammatischen
  Regeln  zu  vermeiden.  Nein,  solche  Widersprüche  soll  der  Schüler  frühzeitig
  kennen  lernen;  denn  gerade  der  Widerspruch  gegen  die  einengende  Regel
ist  ein  Zeichen  des  Lebens.  Man  fürchte  nicht,  daß  dadurch  der  Schüler  unsicher
  werde,  im  Gegenteil,  er  wird  viel  sicherer,  als  wenn  alles  in  wohlabgezirkelter
  Regelmäßigkeit  verläuft.

Solches  Zustutzen  der  Sprachstücke  nach  willkürlich  gemachten  Regeln,
die  oft  den  großen  Naturgesetzen  der  Sprache,  wie  sie  uns  die  geschichtliche
Forschung  offenbart,  geradezu  ins  Gesicht  schlagen,  ist  ganz  ebenso  zu  verwerfen
  wie  das  Zurechtmachen  unserer  großen  Dichtungen  für  den  Schulgebrauch