Sprachgeschichte  und  Wortbildungslehre.  185

nach  engherzigen  moralischen  Gesichtspunkten,  die  oft  unsittlicher  sind  als  die
gewaltige  Ethik  des  Natürlichen,  die  in  unserer  klassischen  Dichtung  zu  uns
redet.  So  gehört  die  Entwickelung  des  Begriffes  der  sprachrichtigen  Schwankungen
  zu  einer  der  wichtigsten  und  unerläßlichen  Aufgaben  des  deutschen
Unterrichts.  Daß  die  sprachrichtigen  Schwankungen  auf  der  fortschreitenden
Entwickelung  unserer  Sprache  beruhen,  also  auf  dem  eigentlichen  Sprachleben,
muß  dem  Schüler  von  Klasse  zu  Klasse  deutlicher  werden,  bis  diese  Anschauung
des  ewigen  Wachsens  und  Werdens  wie  in  der  Sprache  so  in  allen  Lebensverhältnissen,
  die  ihn  umgeben,  eine  feste  und  gesicherte  Grundanschauung  seines
Lebens  wird.

Als  Lessing  einst  deshalb  angegriffen  worden  war,  weil  er  die  Formen  du
kömmst,  er  kömmt  anwendete,  die  übrigens  Gottsched  (Sprachkunst?,  S.  331)
als  die  regelmäßigen  und  richtigen  erklärt,  Adelung  dagegen  nur  der  niederen
Umgangssprache  zuweist  (Sprachlehre  für  Schulen?,  S.  271),  verbat  sich  Lessing
diese  Angriffe  und  schrieb  (im  Anti-Goeze  10)!):  ‘Sagt  selbst,  was  hat  es  mit
der  Auferstehungsgeschichte  oder  mit  sonst  einem  Punkte  in  den  Fragmenten
und  meiner  Widerlegung  derselben  zu  schaffen,  daß  ich  schreibe  vorkömmt
und  bekömmt,  da  es  doch  eigentlich  heißen  müsse  vorkommt  und  bekommt?
  Es  kränkt  Euch,  daß  ein  so  großer  Sprachkundiger  wie  ich  —  (niemals
  sein  wollen)  —  in  solchen  Kleinigkeiten  fehlt?  Ei....  weil  Ihr  ein  so
zartes  Herz  habt,  muß  ich  Euch  ja  wohl  zurechte  weisen.  Nehmt  also  Eure
Brille  zur  Hand  und  schlagt  den  Adelung  nach.  Was  leset  Ihr  hier?  ‚Ich
komme,  du  kommst,  er  kommt;  im  gemeinen  Leben  und  der  vertraulichen
Sprechart:  du  kömmst,  er  kömmt.‘  Also  sagt  man  doch  beides?  Und  warum
soll  ich  denn  nicht  auch  beides  schreiben  können?  Wenn  man  in  der  vertraulichen
  Sprechart  spricht:  ‚du  kömmst,  er  kömmt,‘  warum  soll  ich  es  denn
in  der  vertraulichen  Schreibart  nicht  auch  schreiben  können?  Weil  Ihr  und
Eure  Gevattern  nur  das  andere  sprecht  und  schreibt?  Ich  ersuche  Euch  höflich.....,
  allen  Euern  Gevattern  bei  der  ersten  Zusammenkunft  von  mir  zu
sagen,  daß  ich  unter  den  Schriftstellern  Deutschlands  längst  mündig  geworden
zu  sein  glaube  und  sie  mich  mit  solchen  Schulpossen  ferner  ungehudelt  lassen
sollen!  Wie  ich  schreibe,  will  ich  nun  einmal  schreiben!  will  ich  nun  einmal!
  Verlange  ich  denn,  daß  ein  anderer  auch  so  schreiben  soll?’  Klarer  ist
wohl  nie  das  Recht  des  Schreibenden,  aus  dem  Vorrate  der  lebendigen  Sprache
nach  Wunsch  und  Willen  ohne  Rücksicht  auf  engherzige  Regeln  zu  schöpfen,
verteidigt  worden.  Und  so  schreibt  Herder  jägt  (von  jagen)  neben  jagt,
frägt  neben  fragt,  frug  neben  fragte,  und  Platen,  der  so  gern  als  Muster
der  strengsten  Sprachrichtigkeit  und  Formenschönheit  angeführt  wird,  schrieb
jJug  neben  jagte,  Uhland  gewunken  statt  gewinkt,  wie  auch  Anzengruber
in  einem  hochdeutschen  ernsten  Gedichte  schreibt.  Schon  Adelung,  wie  seitdem
fast  alle  Sprachmeister,  verdonnerte  die  Formen  frägst,  frägt,  frug,  worin
ihm  Grimm,  freilich  aus  anderen  Gründen,  folgtee  Während  jug  wieder  völlig

!)  Hempelsche  Ausgabe  16,  S.  203  Anmerkung.