186  Lrox:  Der  deutsche  Unterricht.

aus  der  Schriftsprache  verschwunden  ist,  haben  sich  die  starken  Nebenformen
zu  fragen  behauptet  und  völlig  eingebürgert.  Die  starke  Form  gewunken
hat  trotz  Uhland  nicht  wieder  erweckt  werden  können.

Niemand  konnte  damals  voraussehen,  welche  Formen  die  Schriftsprache
dauernd  ın  ihren  Besitz  aufnehmen  würde,  und  so  kann  es  auch  heute  niemand
bei  den  zahlreichen  Schwankungen,  die  gerade  das  erfreulichste  Zeichen  eines
gesunden  und  kräftigen  Sprachlebens  sind.  Es  sind  grammatische  Kinderkrankheiten,
  wenn  man  solche  Schwankungen  bekämpft;  wer  über  jene  hinaus
ist,  läßt  diese  nicht  nur  ruhig  bestehen,  sondern  hat  seine  herzliche  Freude
daran.  Man  lasse  also,  namentlich  auch  bei  den  mündlichen  Vorträgen  und
auch  in  den  Aufsätzen,  unsere  Jungen  etwas  mehr  reden  und  schreiben,  wie
ihnen  der  Schnabel  gewachsen  ist.  Man  stutze  und  korrigiere  nicht  fortwährend,
wenn  auch  ein  mundartlicher  Ausdruck  und  eine  derbe  volkstümliche  Wendung
mit  unterläuft.  Man  freue  sich  vielmehr  über  solche  Ausdrücke  lebendigen
Sprachempfindens.  Also  mehr  Freiheit  und  weniger  rote  Tinte!  Das  fort
währende  Zustutzen  und  Korrigieren  knickt  alle  sprachliche  Kraft  und  tötet
alles  Sprachleben.  Die  Angst  vor  dem  Fehler  muß  vor  allem  dem  Schüler
benommen  werden;  denn  sie  ist  das  Haupthemmnis  aller  gesunden  Sprachentwickelung.
  Man  lasse  also  auch  bei  den  sprachlichen  Schwankungen  dem
Schüler  Freiheit  und  sage  nicht:  Diese  Wendung  ist  die  allein  richtige,  sondern
man  stelle  beide  als  gleichberechtigt  nebeneinander,  höchstens  daB  man  in
manchen  Fällen,  wo  es  klar  auf  der  Hand  liegt,  die  eine  Wendung  als  die
bessere  empfiehlt,  ohne  deshalb  die  andere  zu  verwerfen.

Mundarten.  Was  in  unseren  Lehrbüchern  der  deutschen  Sprache  behandelt
  zu  werden  pflegt,  das  ist  im  wesentlichen  die  Schriftsprache,  die
neben  und  über  den  Mundarten  steht.  Da  die  Mundarten  immer  nur  auf
einen  landschaftlich  engen  Kreis  beschränkt  sind,  so  machte  sich  beim  schriftlichen
  Gebrauche  der  Sprache  schon  in  älterer  Zeit  das  unbewußte,  später  auch
das  bewußte  Streben  geltend,  durch  Ausgleichungen  in  den  Mundarten,  durch
Aufnahme  von  Wörtern  und  Formen  aus  anderen  Landschaften  einer  schriftlichen
  Aufzeichnung  das  Verständnis  in  einem  weiteren  Kreise,  als  in  der
heimischen  Landschaft  zu  sichern.  Im  mittelhochdeutschen  Zeitalter  waren  es
besonders  die  Dichter,  die  ihre  Lieder  und  epischen  Gesänge  nicht  auf  eine
einzelne  Landschaft  beschränkt  sehen  wollten  und  deshalb  eine  über  den  Mundarten
  schwebende  Gemeinsprache  wenigstens  in  gewissen  Anfängen  erstrebten.
Später  kamen  dazu  die  Kanzleien,  von  denen  besonders  die  kaiserliche  und  kursächsische
  Kanzlei  an  Bedeutung  und  Einfluß  gewannen,  so  daß  die  kaiserliche
und  kursächsische  Kanzleisprache  die  Grundlage  zu  einer  wirklichen  deutschen
Gemeinsprache  wurden.  Nach  der  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  waren  es
besonders  die  Drucksprachen  der  wichtigsten  Buchdruckereien,  die  sichtlich  eine
Spracheinigung  beförderten.!)

1)  Empfohlen  seien  dem  Lehrer:  K.  v.  Bahder,  Die  Grundlagen  des  neuhochdeutschen
Lautsystemes,  Straßburg  1890,  sowie  die  bereite  angeführten  Werke  von  Behaghel  und
O.  Weise;  Wilmanns,  Mundart  und  Schriftsprache,  1905;  ferner  O.  Brenner,  Schrift-